Touristen in Thüringen: Die größte Vase der Welt

Die Leuchtenburg braucht Superlative, wenn sie bestehen will: Sie muss Besucher anlocken, etwa mit der kleinsten Teekanne der Welt.

Ein Stück der größten Vase der Welt

Ein Stück der größten Vase der Welt Foto: Martin Schutt/dpa

Etwas Großartiges muss es sein. Das Größte und das Kleinste muss es sein. „Die größte Vase, die kleinste Kanne – so in der Art.“ Wer das sagte? Einer aus dem Trio, das die Leuchtenburg, oben auf dem 395 Meter hohen Lichtenberg zwischen Seitenroda und Kahla in Thüringen gelegen, im Jahr 2007 zu einer Stiftung gemacht hatte.

Die Versteigerung der Burg war schon anberaumt gewesen, als die Stiftung ihr Interesse anmeldete. Das schier Unmögliche gelang: Die Auktion wurde abgesagt. So konnte die Burg dem Zugriff des neuen Geldadels entrissen werden.

Nur, nachdem klar war, die Leuchtenburg wird kein Nobelhotel, keine Schönheitsfarm, kein Landsitz eines Neureichen, musste trotzdem ein Finanzierungskonzept her, damit verhindert wird, dass die Burg zur Ruine verkommt. „Uns war klar, irgendwie musste sie profitabel werden“, sagt Ulrike Kaiser, Museumsleiterin auf der Burg ist sie.

Seither tut die Stiftung, die die Burg öffentlich zugänglich halten und sanieren will, größtenteils auch saniert hat, alles, um Leute anzulocken, damit die mittelalterliche Anlage, 1221 erstmals erwähnt, sich finanziell trägt. Gelockt wird mit Gastronomie, einer Porzellanausstellung, etwas Gruselgefühl, einem fantastischen Ausblick über die weiche Thüringer Berglandschaft, einem Steg, von dem aus man Porzellan zerschlagen kann, weil Scherben Glück bringen, und mit zwei Superlativen, dem Größten, dem Kleinsten. Kaiser, die Museumsleiterin, zählt alles schwungvoll auf. Das war im September vor dem zweiten Lockdown.

„Da, die Leuchtenburg“

Die Leuchtenburg hat eine wechselvolle Geschichte; Ritter- und Minnemystik allerdings fehlen. Meist war sie in den tausend Jahren ihres Bestehens Amtssitz, später auch Armenhaus, „Irrenhaus“, Zuchthaus. Ab Ende des 19. Jahrhunderts wurde sie touristisch genutzt, bis die baulichen Zustände auch das nicht mehr zuließen. Als potenzielles Internierungslager für Staatsfeinde der DDR wurde sie allerdings noch vorgehalten.

Nach der Wende aber war die Burg vor allem das: ein ruinöses Objekt unter Denkmalschutz und Orientierungspunkt für die Einheimischen: „Da, die Leuchtenburg“, sagen sie unten im Tal, nicken und zeigen mit ausgestrecktem Arm nach oben.

Im Jahr 2007 wurde die Burg ins Stiftungsvermögen überführt, wurden Sanierungsgelder akquiriert und sich der Kopf zerbrochen, welche Kultur dort stattfinden kann. Die Museumsleiterin erinnert sich, als sie im Vorhof sitzt und die Aussicht genießt über die Thüringer Hügel und Wälder bis hin zur Plattenbaustadt Jena-Lobeda, die von Weitem selbst wie eine massige Befestigungsanlage wirkt, dass kurz angedacht wurde, ob passend zur Burggeschichte nicht ein Gefängnismuseum eine Superattraktion wäre. Dann entschied sich die Stiftung doch fürs Schöne. Das Schöne ist Porzellan.

400 Porzellanmanufakturen gab es im 19. Jahrhundert in Thüringen. Rund um die Leuchtenburg konzentrieren sie sich bis heute. Das kaolin- und quarzhaltige Gestein in der Region wird für die Porzellanherstellung gebraucht. Das hat die Entwicklung befördert. „Porzellan, das ist ein Flächenthema“, sagt Kaiser.

An der größten Vase der Welt arbeitet der russische Künstler Alim Pasht-Han am 12.03.2015 auf der Leuchtenburg in Seitenroda bei Kahla (Thüringen)

Künstler Alim Pasht-Han bei der Arbeit an der größten Vase der Welt im Jahr 2015 Foto: Martin Schutt/dpa

Allerdings, auch eine Dauerausstellung über Porzellan werde kaum reichen, um finanziell auf die sichere Seite zu kommen, so die Vermutung. Superlative müssen es richten. Mit Rekorden muss geworben werden. Und weil das schon mal so dahergesagt war, blieb es dabei: die größte Vase, die kleinste Teekanne. Nicht zu vergessen: der Welt. Und ja, sie stehen jetzt in der Leuchtenburg. Die eine in einem fast zehn Meter hohen Gewölbe. Die andere in einem Glaskasten mit einer Lupe davor.

Dieser Text stammt aus der taz am wochenende. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk, im praktischen Wochenendabo und rund um die Uhr bei Facebook und Twitter.

Die Teekanne ist weniger Kunstwerk als technisches Meisterwerk. Drei mal vier mal vier Millimeter groß, mit Tülle, Henkel und Deckel – befüllbar, theoretisch. Weil die Oberflächenspannung eines Wassertropfens zu groß ist, geht da aber nichts rein. Ein Blick durch die Lupe. Fürs große Staunen ist es zu klein.

Mehr Aufmerksamkeit zieht die Vase auf sich. Schon aufgrund ihrer Größe: Acht Meter hoch ist sie. Goldglänzend, kobaltblau glitzernd dreht sie sich in changierendem Licht, das in zehn Minuten den Sonnenaufgang bis -untergang simuliert. Auf Treppenstufen sitzend, geben sich die Betrachtenden der hypnotisierenden Wirkung hin. Denn durch die Gestaltung der Vase entsteht beim langsamen Rotieren der Eindruck einer sich ununterbrochen drehenden Spirale, die wie ein Eingang in die Unendlichkeit ist.

Die Vase, erzählt der Künstler Alim Pasht-Han, der das Objekt gemacht hat und es lieber „Kapsel“ nennt, sei nicht nur eine künstlerische, es sei auch eine technische Herausforderung gewesen. Denn es musste verhindert werden, dass das Gewicht von oben alles unten zerdrückt. Glattes Porzellan wäre nicht gegangen. Er habe Systeme in der Natur studiert, die ähnliche Anforderungen erfüllen, die hoch und stabil sind, Schachtelhalm, Sonnenblumen, Bienenwaben. So sei er auf das Hexagon gekommen. Um die Stabilität zu garantieren, besteht die Vase aus 360 Sechsecken, weil diese die Kraft, die von oben auf sie drückt, in alle Richtungen ableiten.

Spiralig wirkt die Vase

Und spiralig wirkt die Vase, weil sie sich nach oben hin verschlankt und die einzelnen Waben kleiner werden. Wäre, sagt Pasht-Han, auch nur ein Milli­meter falsch berechnet gewesen, alles wäre umsonst. Er könne nichts versprechen, aber er versuche es, habe er gesagt, als er gefragt wurde, ob er’s macht. Drei Jahre hat die Herstellung gedauert, ein sechsstelliger Euro-Betrag wurde dabei verschlungen. In der Burgschänke sitzt der Künstler und erzählt das alles.

Alim Pasht-Han kommt aus einer Künstlerfamilie, ist Tscherkesse mit russischem Pass, 1972 geboren. In Russland hat er Grafik studiert, in Deutschland Bildhauerei. Auch mit Porzellan hat er gearbeitet, hat großformatige Objekte aus diesem harten Material gefertigt. Obwohl der Ansatz der Vase eher marketingtechnisch gewesen sei, lohne es sich für ihn nur, „wenn da Ideen sind“, sagt er. Seine Idee: dass etwas nach oben führt. Vom Stein zum Menschen zum Kosmos. Vom Anorganischen zum Organischen zum Metaphysischen. „Arura“ nennt er die Vase. Ar u Ra – von der Erde zur Sonne.

Diese Entwicklung hat er in die Vase hineingezeichnet. Jedes Hexagon stellt etwas dar. In den unteren Modulen sind Abbildungen von Mineralien, die sich über Einzeller zu komplexeren Organismen entwickeln – erst im Wasser, dann an Land. Und weiter zu den Insekten, den Vögeln, den Säugetieren, dem Menschen, dem Kosmos. Die Vase ist eine Zeitkapsel, in die die Evolution eingebrannt ist. „Wo kommen wir her, wo gehen wir hin?“, fragt Pasht-Han. In der Vase sei nichts abgebildet, was vom Menschen geschaffen wurde. „Bei der industriellen Evolution hat sich die Technik entwickelt, nicht der Mensch.“

Manchmal habe er für ein Modul zehn Wochen gebraucht, manchmal zehn Module an einem Tag gemacht. Weil beim Brennen viel kaputtgeht, hat er doppelt so viele bemalt. Mindestens. Anfangs sei es wie eine Verzweiflung gewesen. Aber dann wie Energie, die fließt, erzählt er. Die Vase ist sein Vermächtnis. Deshalb verwirft er die Frage, ob Porzellan der Ruch anhänge, mehr Handwerk als Kunst zu sein. „Kunst ist immer Handwerk“, sagt er. „Dürers Kupferstich ist Handwerk, Michelangelos David ist Handwerk, Handwerk muss helfen, die Idee darzustellen.“

Und was ist mit der Inszenierung? Dem Licht, dem Gold, dem Kobaltblau? Dem Gewölbe, der Drehung? Gold sei die Sonne, die Farbe sei das Universum, sagt er. Alles gehe mit allem zusammen. Und was ist mit dem Guinnessbuch der Rekorde? „Das interessiert mich nicht.“

Später, viel später, in fünftausend Jahren vielleicht, wenn alles, was heute ist, vergangen ist, zugedeckt von kosmischem Staub, werden Archäologen unzählige Scherben ausgraben auf einem Berg mit den Koordinaten: 50° 48′ 14″ N, 11° 36′ 44″ O. Breitengrad, Längengrad. Scherben aus Porzellan – dem dichtesten und dauerhaftesten Material.

Kapsel oder Phallus?

In mühevoller Detailarbeit werden sie die Scherben zusammensetzen. Eine riesige Vase könnte es sein, sagen einige, acht Meter hoch. Andere werden es Kapsel nennen. Wieder andere werden darin den Phallus erkennen, denn es sei das Zeitalter der patriarchalen Ungleichheit gewesen.

Dass es sich um einen Kultgegenstand handelt, darin sind sich alle einig. In den Scherben sind Tiere, Pflanzen und Menschen abgebildet. Die Anbetung des Lebens, so die Vermutung. Dass da auch dem Superlativ gehuldigt wurde, darauf werden sie nicht kommen.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob sie dieses Element auch sehen wollen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben