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Tote durch Polizeikugeln in Istanbul

■ Nach Terroranschlägen geht die alawitische Minderheit auf die Barrikaden / Polizei schießt scharf

Istanbul (taz) – Aus Protest gegen Terroranschläge auf Teehäuser lieferten sich gestern Tausende Angehörige der alawitischen Minderheit in Istanbul Straßenkämpfe mit Polizei und Militär. In der vorausgegangenen Nacht hatten Unbekannte mit Maschinenpistolen auf mehrere Teehäuser, die vor allem von Alawiten frequentiert werden, gefeuert. Dabei waren drei Personen getötet worden. Die Teehäuser liegen im mehrheitlich von Alawiten bewohnten Viertel Istanbuls. Anschließend formierten sich Protestzüge von Alawiten, die der Polizei Kollaboration mit den Attentätern vorwerfen. Sie vermuten als Täter islamische Extremisten, die den nicht orthodoxen Alawiten Verrat am Islam vorwerfen, oder türkische Faschisten, die die Alawiten ebenfalls als „Ungläubige“ geißeln.

Bis zu zehntausend Protestierende errichteten gestern Barrikaden, steckten Autos in Brand, bewarfen Panzerwagen der Polizei und versuchten, die Polizeiwache im Viertel zu stürmen. Polizei und Militär schossen scharf. Mindestens elf Demonstranten wurden dabei getötet, Dutzende, wenn nicht gar Hunderte verletzt. Auch Demonstranten machten von Schußwaffen Gebrauch. Eine Reihe von Polizisten wurden verletzt. Um 16 Uhr wurde über drei Viertel im Distrikt Gaziosmanpasa eine Ausgangssperre verhängt. Unter Beteiligung mehrerer Minister, des Gouverneurs von Istanbul und des Polizeipräsidenten wurde gestern ein Krisenstab gebildet. Auch führende Repräsentanten der alawitischen Gemeinde beteiligten sich daran. Doch alle Bestrebungen alawitischer Politiker, die Lage zu entspannen, blieben erfolglos. Ministerpräsidentin Tansu Çiller versuchte in einer Fernsehansprache an die Alawiten zu beschwichtigen: die laizistische Republik garantiere Glaubensfreiheit, die für die Anschläge Verantwortlichen würden bald gefaßt. Doch entgegen Çillers Bekundungen sind die Alawiten zahlreichen Diskriminierungen ausgesetzt. Die Einwohner des Quartiers Gazi – unter ihnen viele alawitische Kurden – berichten, daß sie die Polizei seit Jahren terrorisiere. „Ich weiß beim besten Willen nicht, wie viele Tote es gibt“, sagte am Abend der Leiter des Gaziosmanpasa-Krankenhauses, Sedat Azak. „Allein in unserem Krankenhaus sind sechs Menschen gestorben. Wir mußten viele Schwerverletzte in andere Krankenhäuser verlegen.“ Ömer Erzeren

Tagesthema Seite 3, Kommentar Seite 10

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