Thriller "Kommissarin Lund": Staatsgeschäfte und Kaffeekränzchen

Haben die Dänen etwa den besseren gesellschaftspolitischen Riecher? Der Monumentalthriller „Kommissarin Lund – Das Verbrechen II“ ist so souverän wie unverkrampft.

Kommissarin Lund (Sofie Gråbøl) löst ihren zweiten großen Fall. Bild: zdf/thomas marott

BERLIN taz | Im Kopenhagener Regierungspalast wird ein junger, dicklicher Mann aus seinem engen dunklen Kämmerchen zum Regierungschef beordert, der ihn ganz unerwartet zum Justizminister ernennt. Der Aktenfresser soll für die Partei im Parlament ein problematisches Antiterrorgesetz durchboxen.

Im Gefängnis am Rande der Stadt wartet derweil ein inhaftierter Soldat auf seine vorzeitige Entlassung, um endlich wieder bei seinem Sohn sein zu können, der ihm immer fremder wird. Und in einem reichen Villenvorort wird die grausam an einen Pfahl drapierte Leiche einer Anwältin aufgefunden.

Was die drei Geschehnisse miteinander zu tun haben? Nur ruhig Blut, werter Zuschauer. In der Zeit, in der in anderen TV-Krimis zur Lösung des Falles geprescht wird, nehmen die Macher dieser Neuauflage des dänischen Monumentalthrillers „Kommissarin Lund – Das Verbrechen“ gerade mal die Exposition vor.

Vor ziemlich genau zwei Jahren lief im ZDF die erste Ausgabe. In zehn Teilen und rund 1000 Sendeminuten ging es um ein Verbrechen in der Kommunalpolitik, das die Ermittlerin Lund (Sofie Gråbøl) in unterschiedlichste Gesellschaftsschichten Kopenhagens führte. In Dänemark erzielte man damit Einschaltquoten von 70 Prozent, in Deutschland gab es bei der Ausstrahlung ähnliche Sensationsmeldungen – überrundete der Krimi in der Publikumsgunst doch glatt den zeitgleichen Talk von Anne Will in der ARD.

Könnte es gar sein, dass die Dänen den besseren gesellschaftspolitischen Riecher haben (von der spannenden Dramaturgie mal ganz abgesehen)? Im Nachfolgeprojekt jedenfalls werden jetzt noch dringlichere große Themen aufgemacht – wenn auch nur in der Hälfte der Zeit. Diesmal gibt es nur fünf Folgen und rund 500 Minuten. Die aber haben es in sich: Stark, wie hier Inneneinsichten aus dem Politbetrieb gezeigt werden. Das hat durchaus Ähnlichkeit mit dem dänischen Bodyguard-Soziothriller „Protectors“, der letztes Jahr am gleichen Programmplatz und ebenfalls in fünf Teilen vom ZDF versendet wurde.

Gerade wenn man diese Produktionen mit ähnlichen aus Deutschland vergleicht, fällt auf, wie souverän und unverkrampft die Dänen politische Ränkespiele und kleinen Alltag miteinander verknüpft bekommen. Wo in den wenigen hiesigen Filmen, die sich mal an die Politik heranwagen, immer eine staatstragende Feierlichkeit herrscht, da erzählen die Skandinavier mit unangestrengter Detailfreude von den Machtverschiebungen und Alltagsanstrengungen hinter den Türen irgendwelcher Parteibüros oder Ministerien.

Und so werden wir nun Zeuge, wie sich der unscheinbare dickliche Aktenfresser aus dem dunklen Ministeriumskeller (Nicolas Bro) – für den Zuschauer ganz unerwartet – zum gewieften Politstrategen entwickelt, der sowohl dem konservativen Koalitionspartner als auch dem eigenen Regierungschef auf einmal mit Eigeninitiative das Leben schwer macht: Wie er beim Kaffee freundlich die eigentlich schon abgemachten Deals platzen lässt, ohne dabei auch nur ein unhöfliches Wort zu benutzen, das ist ein starker Moment des Politdramas. Große Staatsgeschäfte wie Kaffeekränzchen erscheinen lassen, das können wahrscheinlich nur die Dänen.

„Kommissarin Lund – Das Verbrechen II“, Sonntag 22.00 Uhr, ZDF

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