Theresa Hannig Über Morgen: Schönheit ist relativ. 2126 interessiert sich niemand mehr für Falten oder den perfekten Dreiklang von Bauch-Beine-Po. Aber wie sieht es mit der Ellenbeuge aus?
Foto: privat
Der Urlaub steht vor der Tür, jetzt noch schnell gucken, welcher Bikini meinen hart erarbeiteten Office Body am besten zur Geltung bringt. Während ich mich vor dem Spiegel drehe, klickt mein Kopf zwischen Body Positivity und der seit den 90er Jahren internalisierten misogynen Fettfeindlichkeit hin und her. Wer erinnert sich nicht, wie Britney Spears 2007 für ihren vermeintlich zu dicken Comeback-Körper verspottet wurde? Und wer zufällig Ausschnitte alter Fernsehshows sieht, bei denen die weiblichen Gäste ernsthaft vor laufender Kamera nach ihrem Gewicht gefragt werden, der kann heute nur noch erschaudern.
Ich finde mich und meine Hardware nach 2 Geburten und 42 Sonnenumkreisungen jedenfalls ziemlich gut. Aber ich weiß auch: Schönheit ist ein Milliardengeschäft, die Beautyindustrie nimmt so viel Kohle ein wie nie. Schöne Menschen haben in Job, Gesellschaft und Privatleben mehr Erfolg, werden eher als witzig, kompetent und intelligent wahrgenommen. Dass jetzt auch noch junge Männer anfangen, sich den Kiefer zu zertrümmern, um mit eckigem Monsterkinn vermeintlich attraktiver zu sein, birgt nur auf den ersten Blick mehr Gleichberechtigung in der Bürde des Schönseins. In Wahrheit ist es ein weiterer Auswuchs der irrigen Annahme, gutes Aussehen könne innere Leere, Entbehrlichkeit und generell einen schlechten Charakter irgendwie ausgleichen.
Ist es also eitel, nach Schönheit zu streben? Oder gerade dumm, es nicht zu tun, weil sie für Menschen doch relevant ist, und wer das ignoriert sehenden Auges soziale Boni ausschlägt?
„Wie findest du, schaue ich aus?“, frage ich laut. Felix kommt Joghurt löffelnd in mein Zimmer. Er guckt kritisch, nickt dann und sagt schulterzuckend: „Ja, gut. Passt.“
Ich bemerke, dass er immer wieder auf meinen Ellenbogen starrt.
„Ist was?“, frage ich.
Mein Freund aus der Zukunft lächelt verlegen und sagt: „Also wenn ich ehrlich sein soll, hast du’ne wirklich schöne Cubi.“
„Eine was?“
Er deutet auf meinen Ellenbogen. „Hier, die Stelle in der Armbeuge.“
„Was ist damit?“
„Das ist die Cubi, deine ist wirklich sehr schön!“
„Danke. Ich wusste gar nicht, dass es dafür einen Namen gibt.“
„Natürlich!“
„Und wo wir gerade dabei sind, so rein für die Wissenschaft, was würden Leute aus dem Jahr 2126 über mein Aussehen sagen?“
Felix mustert mich kritisch von oben bis unten, dann sagt er: „Deine Heel ist sehr straff.“
„Meine Ferse?“
„Genau, très chic!“
„Was ist mit Thigh Gap, Jawline, Bauch, Beinen, Po und Falten?“
„Ach, das ist alles schon okay, aber nicht so wichtig. Ich meine, achtet bei euch jemand auf den kleinen Zeh? Oder die Ohrenfalten? Eben! Zeig mal deine Hände.“
Er nickt. „Gut. Du würdest nicht mal Daumenkappen brauchen.“
„Daumenkappen?“
„Wenn Leute bei uns Bilder posten, dann tun sie das in der Regel aus der eigenen Blickperspektive und da sieht man oft die Hände. Deshalb sind schöne Daumen besonders wichtig. Und wer unsicher ist und keine Filter aktiviert hat, setzt dann Daumenkappen auf, aber das brauchst du nicht. Also wenn ich – rein für die Wissenschaft – dein Aussehen beurteilen müsste, würde ich sagen: 7/10.“
„Interessant. Gut, dass wir beide wissen, dass es nicht aufs Aussehen ankommt. Aber just for the record: Mein kleiner Zeh ist fabelhaft!“
Theresa Hannig, 42, ist Science-Fiction-Autorin, Politikwissenschaftlerin, Grünen-Stadträtin und ehemalige Softwareentwicklerin.
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