Terrorangriff auf Hauptstadtflughafen: IS bekennt sich zu Großangriff in Niger
Der „Islamische Staat“ bringt Nigers Militärregime mit einem spektakulären Angriff in Bedrängnis. IS-Kämpfer stürmten die wichtigste Luftwaffenbasis.
Die Kämpfe dauerten mehrere Stunden, heftige Schusswechsel hallten durch die Nacht und die Lichtspuren von Drohnenabwehrraketen durchzogen den Himmel. Zunächst war unklar, was genau in der Nacht zum vergangenen Donnerstag am internationalen Flughafen von Nigers Hauptstadt Niamey los war. Inzwischen sind sich Analysten einig: Der „Islamische Staat in der Großen Sahara“, Teil der globalen Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS), hat in Niamey in den Morgenstunden des 29. Januar seinen bisher spektakulärsten Angriff in Niger verübt.
Das Angriffsziel am Flughafen war die Luftwaffenbasis Base 101, wo früher einmal US-amerikanische und französische Spezialkräfte zum Kampf gegen islamistische Terrorgruppen stationiert waren. Heute stehen da 350 Soldaten aus Italien sowie 200 aus Russland, wichtigster außerafrikanischer Verbündeter der Militärregierung von General Abdourahamane Tiani, der 2023 die gewählte prowestliche Regierung Nigers weggeputscht hatte. Auf der Base 101 befinden sich auch türkische Drohnen, die Nigers Militärregierung kürzlich erworben hat.
Der IS bekannte sich am Freitag zum Angriff auf den Flughafen und veröffentlichte am Sonntag ein Beweisvideo: Bewaffnete Kämpfer auf Motorrädern, die die lokale Sprache Haussa sprechen, stürmen das Gelände, schießen in die Luft, dringen in einen Hangar ein und setzen Flugzeuge und Drohnen in Brand. Später sind sie auch auf dem zivilen Teil des Flughafens zu sehen.
Es folgten offenbar stundenlange Feuergefechte. Nach Regierungsangaben wurden 20 „Terroristen“ getötet. Unabhängige Berichte sprechen von mehreren Dutzend getöteten nigrischen Regierungssoldaten und drei getöteten Russen.
Luftkapazitäten von Nigers Militär ausgeschaltet
Erst am 28. Januar hatte Nigers Militärregierung ihre eigene Bilanz im Kampf gegen Terroristen gelobt: Man habe in nur einer Woche 72 Terroristen getötet, die meisten davon bei „gezielten Luftangriffen“, hieß es in einer amtlichen Erklärung. Der Angriff auf Nigers wichtigste Luftwaffenbasis mutet an wie eine direkte Replik darauf.
General Tiani lobte am Tag danach bei einem Besuch der Base 101 die eigenen Streitkräfte nur noch für ihre „Koordination“, seine „russischen Partner“ aber für ihren „Professionalismus“. Die „terroristischen Angreifer“, sagte er weiter, seien von den Präsidenten Frankreichs, Benins und der Elfenbeinküste unterstützt worden – eine Anschuldigung, die alle drei Länder scharf zurückwiesen.
Auf Kanälen im Umfeld des russischen „Afrika-Korps“ wird laut Analysten darauf hingewiesen, dass ohne die russische Gegenwehr der Flughafen von Niamey an den IS gefallen wäre. Die lokalen Wachposten des nigrischen Militärs hätten erst geschlafen und seien dann weggelaufen. 80 Prozent des am Flughafen gelagerten Materials der Luftwaffe sei zerstört worden, schreibt der nigrische Analyst Hamid Anadou N'gadé.
Auch in Mali erstarken islamistische Gruppen
Der Angriff von Niamey erinnert an einen Angriff auf den Flughafen von Malis Hauptstadt Bamako im September 2024. Diesen verübte nicht der IS, sondern die konkurrierende islamistische Gruppe JNIM (Gruppe für die Unterstützung des Islams und der Muslime), die zum Al-Qaida-Netzwerk gezählt wird und mehr auf lokale Herrschaft fokussiert ist. JNIM und IS streiten um die Macht in der Sahelzone.
In diesem Jahr entsteht der Anschein, dass sich JNIM auf Mali und der IS auf Niger konzentriert. JNIM bringt in Mali die dortige Militärregierung seit einigen Monaten schwer in Bedrängnis, etwa durch eine wochenlange Blockade aller Treibstofflieferungen in die Hauptstadt Bamako im vergangenen Herbst, worauf die Regierung erstmals Gespräche aufnahm. Vergangene Woche überfiel JNIM erneut einen Benzinkonvoi auf dem Weg aus Senegal nach Bamako und zündete Dutzende Tanklastwagen an; JNIM-Kämpfer führen auf dieser wichtigen Fernstraßenverbindung ganz offen Straßenkontrollen durch.
In Niger rückt nun der IS der Hauptstadt ungemütlich nahe. Bereits im Jahr 2025 war der Distrikt Tillabéri in Niger, der an die Hauptstadtregion Niamey sowie an Mali und Burkina Faso grenzt, die tödlichste Region in allen drei Ländern gewesen, mit 1.500 Todesopfern bei gewaltsamen Angriffen laut der Konfliktbeobachtungsstelle ACLED. Das laufende Jahr sieht nicht besser aus. Am 18. Januar wurden bei einem neuen IS-Terrorangriff im Distrikt Tillabéri 31 Zivilisten getötet. Und am Montagfrüh wurde die Basis der Nationalgarde im Ort Ayourou von IS-Kämpfern angegriffen. Bis zum Mittag wurden fünf Tote bestätigt.
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