Teenie-Melodram „Fish Tank“ auf Arte: Leben im Aquarium

Authentisch, distanzlos, berührend: Andrea Arnolds „Fish Tank“ erzählt die Geschichte einer nach Halt suchenden Teenagerin aus den Suburbs von London.

Trägt den Film mit ihrer Energie: Katie Jarvis, als Laiendarstellerin gecastet. Bild: ARD Degeto

Von englischen Suburbs führen einen die Wege nicht automatisch in die dahinter liegende Großstadt. Die Meisten, die in den trostlosen Vororten leben, übertreten nur selten deren Schwelle. Sie bleiben auf ihrer Seite, wo sich oft Wut und Perspektivlosigkeit stauen.

Auch die fünfzehnjährige Mia ist wütend – sie lebt in einem dieser tristen Wohnblöcke am Rande Londons und ist kürzlich von der Schule geflogen. Seitdem sucht sie nach einem Ventil für ihre Wut, die sich meistens dort entlädt, wo sie ihre Situation gespiegelt bekommt. Gleich in einer der ersten Szenen zertrümmert sie ihrer hübschen, tanzenden Konkurrentin mit einem Kopfstoß das Nasenbein. Ihre Energie ist ungerichtet, aber treibende Kraft.

Diese Energie entdeckte Regisseurin Andrea Arnold in der Laiendarstellerin Katie Jarvis, während die auf offener Straße eine lautstarke Auseinandersetzung mit ihrem Freund austrug. Die Authentizität der Teenagerin gibt der Rolle ihre Substanz und dem Zuschauer das Gefühl, dass noch nicht alles verloren ist. In Mia steckt nämlich nicht nur viel Wut, sondern auch Beharrlichkeit und eine Verletzlichkeit, die die Regisseurin durch subtile Gesten und Blicke inszeniert. 2010 erhielt Andrea Arnold für ihre authentische Nachzeichnung der britischen Getto-Realität in Cannes den Preis der Jury.

Durch die distanzlose Kameraführung, die der rastlosen Teenagerin am Leib klebt, wird eine Nähe erzeugt, die Mias Körpergefühl spürbar macht. Ihren Kapuzenpullover zieht sie weit über ihr Gesicht, damit sie sich nicht angreifbar macht. Gegen ihre Verletzlichkeit wehrt sie sich mit Härte, Trotz und Kraftausdrücken. Innerhalb ihrer Familie herrscht ein aggressiver und liebloser Umgang, in Wahrheit sehnen sich jedoch alle nach Nähe.

Reproduzierte Perspektivlosigkeit

Die Perspektivlosigkeit und Enttäuschungen der Mutter reproduzieren sich jedoch in ihren Kindern. Sie muss selbst noch eine Teenagerin gewesen sein, als sie ihre Tochter Mia bekam. Vermutlich hat sie ebenfalls wenig Wahlmöglichkeiten in ihrem Leben gehabt. Die Wahlmöglichkeit genießt sie dafür in ihren ständig wechselnden Beziehungen. Ihr neuer Freund Connor (Michael Fassbender), der aus einem One-Night-Stand überraschend in ihr Leben tritt, verändert plötzlich die Perspektive – sowohl für Mia als auch für ihre jüngere Schwester.

Er unterstützt Mias Bewerbung als Tänzerin an einer Bühne und schenkt ihr Vertrauen und Mut. Als alle gemeinsam einen idyllischen Ausflug unternehmen, entspannt sich auch der Film. Connor fängt mit der bloßen Hand einen Fisch, der jedoch einige Tage später am Küchenboden verrottet. Aus der neuen Bezugsperson wird nicht die ersehnte Vaterfigur. Dafür ist Arnolds Film auch zu nahe an der Realität.

Die Sozialwohnungshölle, die sie in ihrem Sozialdrama „Fish Tank“ entwirft, wirkt dadurch niemals konstruiert, nicht zuletzt, weil wir im letzten Jahr die Konsequenzen britischer Bildungs- und Sozialpolitik erlebt haben. Als Mia am Ende ihr Zuhause verlässt, um neue Wege einzuschlagen, hat man schon allein deswegen das Gefühl, dass man die Fortsetzung des Films schon kennt. Das einengende Aquarium hat ein paar Risse bekommen.

Arte, 20.15 Uhr: „Fish Tank"

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