: Tauziehen bei den Freidemokraten
■ Acht süddeutsche Landesverbände sichern Gerhardt ihre Unterstützung bei seiner Kandidatur für den Parteivorsitz zu / Rexrodt und Baum warnen vor Rechtsruck: Liberale Prinzipien nicht aufgeben!
Bonn (AP/AFP/dpa) – Der hessische FDP-Landesvorsitzende Wolfgang Gerhardt kann bei seiner Kandidatur als neuer Bundesvorsitzender mit einer breiten Mehrheit der Liberalen rechnen. Acht süddeutsche FDP-Landesvorstände sicherten gestern bei einem Treffen in Karlsruhe ihre Unterstützung zu. Am Sonnabend hatte der 51jährige offiziell erklärt, er wolle sich um das Amt des FDP- Vorsitzenden bewerben. Ambitionen auf den Fraktionsvorsitz habe er aber nicht, so Gerhardt.
Der baden-württembergische FDP-Chef Walter Döring sagte nach einem dreistündigen Treffen, Gerhardt könne mit „breiter Zustimmung“ der Liberalen aus Hessen, Baden-Württemberg, Bayern, Rheinland-Pfalz, Saarland, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen rechnen. Auch der zurückgetretene FDP-Chef Klaus Kinkel begrüßte Gerhardts Kandidatur – ebenso wie der ehemalige Bundesanwalt Alexander von Stahl, der als Parteirechter zu den Unterzeichnern des umstrittenen Aufrufs zum 8.Mai „Gegen das Vergessen“ gehört.
Nach eigenen Worten will Gerhardt die ökologische Marktwirtschaft zum Schwerpunkt seiner Arbeit machen und dabei die direkte Konfrontation mit den Grünen suchen. Gerhardt plädierte im Gegensatz zu Kinkel, Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger und geltenden Parteitagsbeschlüssen für den Großen Lauschangriff, über den eine offene Diskussion geführt werden solle.
Neben Gerhardts Kandidatur standen am Wochenende weitere Personaldebatten innerhalb der FDP an. Immer stärker wird über weitere Neubesetzungen spekuliert. Döring, der auf dem Mainzer Parteitag als Stellvertreter Gerhardts antreten will, stellte am Wochenende auch die Positionen der Bundesminister Günter Rexrodt und Leutheusser-Schnarrenberger in Frage. Der Ehrenvorsitzende Otto Graf Lambsdorff schloß nicht aus, daß es zu weiteren Umbesetzungen in Parteiämtern kommen werde, sprach sich aber gegen eine Kabinettsumbildung aus. Auch Gerhardt und Kinkel wandten sich gegen eine Kabinettsumbildung.
Verteter des linksliberalen Flügels warnten am Wochenende vor einem Kurswechsel der FDP. Leutheusser-Schnarrenberger fürchtete öffentlich eine „programmatische Verengung“ als Wirtschaftspartei, Rexrodt erteilte vor dem Berliner FDP-Parteitag dem nationalliberalen Flügel eine scharfe Absage. Die FDP dürfe „niemals ihre liberalen Grundsätze und Prinzipien aufgeben“. Der Bundestagsabgeordnete Gerhart Baum sagte, eine rechtskonservative Partei, wie sie diskutiert werde, „wäre nicht meine Partei“.
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