(System-)relevanter Friseurbesuch: Vorhang auf für Verfehlungen

Irgendwann ist das Alter vorbei, wo man sich selbst die Haare schneidet, dachte unsere Autorin. Dann kam die Lockdown-Langeweile und ein neuer Pony.

Frau mit Pony vor Holzkisten, hält ein Prospekt des Vogue Festivals 2013 in der Hand

In etwa der Hairstyle, den sich unsere Autorin vorgestellt hat: Alexa Chung, 2013 Foto: dpa / Morgan O'donovan

Ich dachte, das Dümmste, was ich seit Corona gemacht habe, war, während des ersten Lockdowns wieder mit dem Rauchen anzufangen.

Weit gefehlt, dümmer geht immer. Wenn man sich beispielsweise einbildet, nach jahrelanger Ignoranz den eigenen Haaren gegenüber auf einmal einen Pony haben zu müssen. Genauer gesagt: Curtain Bangs, an den Seiten länger werdende Stirnfransen. Älteren Semestern wird die Frisur vielleicht durch Brigitte Bardot ein Begriff oder zumindest optisch geläufig sein. Die Französin trug sie wohlgemerkt, bevor sie sich vom gehypten Sexsymbol in eine hasserfüllte Rassistin verwandelte.

Auch weniger kontroverse Prominente schwören auf die Vorhangfransen im Gesicht, wie etwa Zooey Deschanel, die den Look spätestens in ihrer Serie „New Girl“ prägte, oder die Designerin Alexa Chung. Kennen Sie nicht? Auch egal.

Denn hier geht es um mein Haupthaar und die damit verbundene Verfehlung. Ja, ich hätte es besser wissen müssen; sich selbst die Haare zu schneiden ist keine Lösung. War es schon nicht mit vier Jahren, noch weniger mit 17 und schon gar nicht mit knapp 30.

Haarpflege denen, die es brauchen

Dabei gehöre ich nicht einmal zu den Menschen, die die geschlossenen Friseure besonders hart treffen. Anders etwa meine Großmutter, die sich seit ihrer Jugend nicht mehr die eigenen Haare gewaschen, geschweige denn geföhnt oder geschnitten hat.

Ob man das Haarestylen verlernen kann, sei mal dahingestellt, aber mit Mitte achtzig kann die Körperpflege generell ja schon mal aufwendig werden. Nun hat meine Großmutter Glück, denn in Österreich, wo sie lebt, durften die sogenannten körpernahen Tätigkeiten bereits vor zwei Wochen wieder öffnen.

Hierzulande soll es ja am 1. März wieder so weit sein – so ausführlich, wie das schon medial besprochen wurde, dürfte das nun auch je­de*r mitbekommen haben.

Da ich generell nicht häufig zum Friseur gehe – zweimal im Jahr wäre schon ein Rekord –, hätte mich die Aussicht auf diese leichte Form der Lockdown-Lockerung eigentlich kaltlassen müssen. Aber die zahlreichen Indoorprojekte, mit denen ich mir die freie Zeit bisher vertrieb, reichen nicht mehr aus, zu dringlich ist der Wunsch nach Veränderung. Hauptsache, irgendetwas Neues zwischen all dem eintönigen Alltag.

Zum Friseur, nur weil mensch kann?

So erwischte ich mich schon mit den Fingern der linken an den Haarlängen, die leicht angerostete Schere in der rechten Hand, als just in dem Moment die Radionachrichten die Wiederöffnung der kopfnahen Tätigkeiten kundtaten. Wie ertappt ließ ich Hände und Schere wieder sinken und konzentrierte mich aufs Stricken oder Abwaschen oder Kochen.

Stunden später dann aber die Zweifel, ob es unter den gegebenen Umständen überhaupt legitim wäre, sich professionell die Haare schneiden zu lassen!? Sich und andere gefährden, nur weil es einem die Obrigkeit erlaubt, erschien mir dann doch fraglich.

So griff ich, ganz auf meine Mitmenschen bedacht, wieder zur Schere und schnitt, ohne weiter nachzudenken, drauflos. Nun ziert also ein recht schiefer Pony Stirn und Schläfen, dessen Fransen mir irritierend das Sichtfeld einschränken. Um das zu richten, muss ich nun vielleicht doch zum Friseur – denn wie Zooey Deschanel oder Alexa Chung sehe ich mit dem Vorhang im Gesicht nicht aus. Schon eher wie Olivia Newton-John in Grease – vor Dauerwelle und Lederhose.

Außerdem scheinen sich die Katzen nun vor mir zu fürchten. Sie flüchten jedenfalls neuerdings vor dem verhängten Gesicht ihrer Futterspenderin.

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Sophia Zessnik ist seit 2019 bei der taz und arbeitet in den Bereichen Kultur und Social Media. Sie schreibt am liebsten über Alltägliches, toxische Männlichkeit und Menschen im Allgemeinen. In ihrer Kolumne „Great Depression“ beschäftigt sie sich außerdem mit dem Thema psychische Gesundheit.

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