Studie zur Wirtschaftskrise: "Der Hund bellt nicht"

Die aktuelle Studie der Reihe "Deutsche Zustände" hinterfragt, wie Wirtschaftskrisen bewältigt werden. Empirisch belegbar ist, dass Krisen eher geleugnet werden, als Gewalt zu fördern.

Ausgelassen trotz Defizite: Krisen dringen nicht richtig ins Bewusstsein vor. Bild: dpa

Wilhelm Heitmeyer hat es geschafft, aus seinen regelmäßig bei Suhrkamp veröffentlichten Analysen in Buchform eine Institution zu machen und ihr einen Namen zu geben: "Deutsche Zustände". 2002 erschien die erste Folge; nun, 2010, sind wir bei der achten.

Die deutsche Presse zitiert jährlich aus den von Heitmeyer angeregten empirischen Studien zur "Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit" im Vertrauen auf Zahlen, wie einst der NDR mehrmals täglich Wasserstände der Elbe meldete. So gut es ist, sich bei Äußerungen über die Gesellschaft nicht nur auf sein Gefühl zu verlassen, so bedenklich wird es, wenn der Eindruck erweckt wird, Missstände einer Gesellschaft ließen sich scheinbar objektiv mit Zahlen messen.

Die Kritik am szientistischen Objektivismus in den Sozialwissenschaften ist jedoch längst bis Bielefeld vorgedrungen, und so dürfen auch jüngere Wissenschaftler ihre Forschungsergebnisse kritisch reflektieren. Und das macht den achten Band der "Deutschen Zustände" besonders lesenswert, der sich vor allem mit der Verarbeitung der Krise im gesellschaftlichen Bewusstsein beschäftigt.

Zusammenhang von Krise und Gewalt

Ist die Weltwirtschaftskrise von 1929 im allgemeinen Bewusstsein verankert als eine wirtschaftliche Katastrophe, die die politischen Schrecken nach sich zog, fühlt sich der Crash von 2008 irgendwie anders an. Die Heitmeyersche Empirie bestätigt dieses Gefühl.

Den intellektuelle Kurzschluss, auf die Erfahrung eines ökonomischen Desasters müsse eine erhöhte Gewaltbereitschaft gegen Außenseiter folgen, können die Zahlen nicht belegen. In diesem Sinne leistet Wilhelm Heitmeyer mit seinen Untersuchungen praktische Aufklärungsarbeit, deren Lektüre man dem meinungsstarken deutschen Feuilletonkarussell zur Pflicht machen sollte

Indes könnten auch die "Deutschen Zustände" durch systematische internationale Vergleichsuntersuchungen gewinnen. Der Zusammenhang von Krise und Gewalt hat in Deutschland nun einmal einen spezifischen Assoziationshorizont, der nur durch empirischen Vergleich und theoretische Reflexion aufzulösen ist.

Sicherheit durch Kontinuität

Eine wichtige Erkenntnis der Untersuchung lautet, dass weder der Antisemitismus proportional zur Schwere der Krise wächst noch die altlinke Illusion von der politisierenden Kraft des Elends durch reale Krisenerfahrung realitätshaltiger wird. Alarmistische Bedürfnisse werden durch die Heitmeyerschen Untersuchungen nicht befriedigt; es sei denn, die schreckliche Normalität einer autoritären Anfälligkeit lässt einen aufhorchen.

Die wichtigste Nachricht des Reports: Die Krise dringt gar nicht richtig ins Bewusstsein vor. Veronika Schmid und Matthias Bös kommen in ihrem Beitrag "Aufbruchsstimmung in Krisenzeiten - oder hoffnungslos unzufrieden?" zu dem Resultat: "Der Hund bellt nicht."

Das Bedürfnis nach Sicherheit äußert sich in einer allgemeinen Tendenz zur Verleugnung der Krise - ein Phänomen, das schon Adorno als "überwertigen Realismus" charakterisiert hat. Die Identifikation mit dem Bestehenden gewährt eben das, was die gesellschaftlichen Umstände gerade verweigern: Sicherheit durch Kontinuität.

Auch wenn einen der hohe Zustimmungsgrad zu antisemitischen Welterklärungen bei Leuten, die sich als Opfer von "Banken und Spekulanten" fühlen, erschauern lässt - zum Übergang von ekelhaften Einstellungen zum aktiven Handeln ist damit noch lange nichts ausgesagt.

Vernachlässigte Theorie

Über Allerweltsthemen wie Rassismus und Antisemitismus wird unheimlich viel geredet, aber selten ernsthaft nachgedacht. Die Grenzen empirischer Sozialforschung werden auch in dieser Studie erreicht, wenn der Antisemitismus als eine bloße Einstellungsfrage gefasst wird.

So erfreulich es ist, wenn alte Untersuchungsansätze kritischer Sozialforschung wie die der "Authoritarian Personality" wiederentdeckt werden, so sehr muss einen doch immer wieder verärgern, wenn Adornos selbstkritische Warnung, nicht in der Sozialpsychologie hängen zu bleiben, in den Wind geschlagen wird. Felix Knappertsbusch und Udo Kelle konstruieren in ihrem Beitrag eine Gleichwertigkeit von Antisemitismus und Antiamerikanismus, die nur über eine Nivellierung beider zu "Deutungsmustern" möglich wird.

Ungewollt wird die im Antisemitismus steckende Gewalt gegen Juden verharmlost zu einer bloß falschen Denkweise. Der Antisemitismus ist aber kein falsches Meinen wie der Antiamerikanismus, sondern eine gewalttätige Praxis in Wort und Tat. Dass in der antiamerikanischen verzerrten Weltwahrnehmung antisemitische Momente enthalten sind, steht auf einem anderen Blatt - dem der vernachlässigten Theorie, die im deutschen Wissenschaftsbetrieb aber nur in abgespeckter, relativistischer Form Konjunktur hat.

Die hohe mediale Akzeptanz seiner Studien erreicht Wilhelm Heitmeyer durch einen pragmatischen Umgang mit Theorie: Bekannten Autoren wie Heribert Prantl und Werner A. Perger bleibt es überlassen, an größere Zusammenhänge zu erinnern. Ist es selbst schon ein "überwertiger Realismus", wenn man sagt: Immerhin wird an sie überhaupt noch erinnert?

Wilhelm Heitmeyer (Hg.): "Deutsche Zustände. Folge 8". Suhrkamp, Berlin 2010, 320 S., 15 Euro

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de