Stromproduktion in Südostasien

Staudämme zerstören Mekongdelta

Mit dem Bau von Staudämmen im Mekong will das arme Laos Strom-Großexporteur werden. Damit ist die Existenz vieler in der Region bedroht.

Reisbauerin im Mekong-Delta

Millionen leben in bitterer Armut: Reisbäuerin im Mekong-Delta Foto: imago images/robertharding

PAKSE taz | Kuye reibt sich die Augen. Bedächtig greift er nach seinen Habseligkeiten, einer braunen Reisetasche aus Kunstleder, einer Einkaufstüte, einem Paar ausgetretener blauer Plastiksandalen. „Hoffentlich wird es heute besser“, sagt er, übersetzt durch einen Dolmetscher, „hoffentlich habe ich heute Glück und finde eine Arbeit.“

Glück – für Kuye war es am 23. Juli letzten Jahres damit vorbei. Damals, als ein Seitendamm des Xe-Pian-Xe-Nam-Noy-Staudamms in der Provinz Champasak im Süden von Laos „explodierte“, wie der 27-Jährige die Katastrophe beschreibt. 5 Milliarden Liter Wasser überschwemmten die Landschaft in der benachbarten Provinz Attapeu, als der Damm nach wochenlangen Regenfällen dem Druck des Wassers nicht mehr standhalten konnte. Dutzende, wenn nicht Hunderte von Menschen kamen bei dieser Katstrophe um, weggeschwemmt, erschlagen von entwurzelten Bäumen. Dörfer, Häuser, ganze Farmen – sie wurden von einer braunen Masse aus Wasser, Schlamm und Erde verschluckt. 7.000 Menschen wurden obdachlos.

Kuyes einfacher Laden, in dem er Lebensmittel, Getränke und Zigaretten verkauft hatte, ging an diesem 23. Juli 2018 unter. Er, seine Frau und seine sechsjährige Tochter überlebten. „Wir konnten uns auf einen Baum retten“, erzählt er. „Nur mit den Kleidern, die wir trugen. Sonst haben wir alles verloren.“ Seit diesem Tag sucht Kuye nach Arbeit. Inzwischen lebt er weit weg von zu Hause, in der Stadt Pakse. Er schläft unter Wellblech im Hinterhof eines Transportunternehmens. Gelegenheitsarbeiten halten ihn am Leben.

Kuye ist eines von vielen Opfern des Ehrgeizes der Regierung, mit dem Bau von Staudämmen im Fluss Mekong und seinen Seitenarmen das arme Laos zu einer „Batterie Südostasiens“ zu machen. Abnehmer des Hydrostroms sind die energiehungrigen Nachbarländer, allen voran Thailand.

Über 4.350 Kilometer Fluss

Über 4.350 Kilometer zieht sich der Mekong vom tibetischen Hochland durch China, Myanmar, Laos und Thailand bis nach Kambodscha und Vietnam. Die kommunistische Regierung in der laotischen Hauptstadt Vientiane will mit dem Verkauf von Strom jährlich Millionen Dollar an Exporteinkommen generieren.

Die Dämme China pumpt seit Jahren Milliarden von Dollar in den Bau von Staudämmen in Laos und Kambodscha. Peking finanziert die Projekte zumindest indirekt über die Belt and Road Initiative (BRI) zum Auf- und Ausbau internationaler Handels- und Infrastruktur­netze. Der große Nachbar im Norden betreibt auf seinem Abschnitt des Flusses aber auch selbst acht Staudämme mit einer Gesamt­kapazität von 19.000 Megawatt. Die Fließ­geschwindigkeit des Stroms ist deshalb um 40 Prozent gesunken, bevor das Wasser überhaupt an die laotische Grenze kommt, warnen Studien.

Die Investoren Neben China sind vor allem Thailand und Korea am Bau von Staudämmen in Laos beteiligt. Der Damm, dessen Bersten Kuyes Existenz vernichtete, ist das Projekt eines Joint Venture zwischen der staatlichen Lao State Enterprise und den beiden süd­korea­nischen Unternehmen SSK Engineering & Construction (SK E&C) und Korea Western Power sowie der thailändischen Ratchaburi Electricity Generating Holding. Aber auch Japan und Frankreich investieren in Staudämme. (uw)

80 Prozent der etwa 7 Millionen Laoten arbeiten in der Landwirtschaft, oft als Selbstversorger, viele in kleinen Familienbetrieben. Millionen Menschen leben in bitterer Armut. Schätzungen zufolge sind vier Fünftel der Fläche von Laos von Wald bedeckt. Holz ist ein wichtiges Exportprodukt. Dazu kommen Kaffee, Zinn, das Gewürz Kardamom sowie Lederwaren.

Zwei Elefanten wippen nervös mit ihren Köpfen. Hin und her, tagein, tagaus. Ein erbärmliches Bild. „Das war schon immer so“, sagt die alte Frau hinter dem Tisch aus Bambusrohr. Sie warnt, dem einen Tier nur nicht zu nahe zu treten. „Er steht sein 21 Jahren hier und kann plötzlich aggressiv werden.“ Tourismus ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor auf dem Bolaven-Hochplateu hinter Pakse. Die beiden Elefanten gelten als eine große Attraktion bei der Tad Lo Lodge, einer Hotelanlage. Besucher kaufen für ein paar Cent Bananen und verfüttern sie an die Tiere. Viele Touristen kommen wegen des Kaffees, der dank einem kühleren Klima auf dem Plateau angebaut werden kann. Während weite Teile des Landes verkehrsmäßig wenig erschlossen sind, ist der Zugang zu dieser Hochebene gut und einfach. Große Busse mit Urlaubern aus Thailand fahren vor. Zehn Minuten für ein Selfie mit Elefant und Banane.

Einen Steinwurf weiter spielen drei Jungen am Bach. „Selfie, selfie“, rufen sie, und stellen sich in Pose. Im Hintergrund hört man das dumpfe Donnern der Wasserfälle von Tad Lo. Sie sind so wie Hunderte Bäche, Flüsse und Rinnsale im Gebiet des Mekong Teil eines der größten Elektrizitätswerksysteme auf dem Globus. Ende 2018 waren in Laos in den Zuflüssen zum Mekong bereits 46 Dämme in Betrieb, mit einer Gesamtkapazität von rund 6.500 Megawatt. An 54 Staudämmen wird derzeit gebaut, bis zu 100 weitere sind geplant.

Blockade von Nährstoffen

Dazu kommen elf Großstaudämme im Hauptfluss des Mekong mit einer Gesamtleistung von mindestens 10.000 Megawatt, so die offiziellen Zahlen. Neun dieser Mammutanlagen befinden sich in Laos – zwei sind bereits in Betrieb. Vor drei Jahren gab die laotische Regierung bekannt, sie wolle in den nächsten 12 Jahren eine Kapazität von 30.000 Megawatt erreichen.

Der freie Zufluss von Wasser ist für die Bewohner entlang des Mekong seit Jahrhunderten ein Garant für Nahrungssicherheit und wirtschaftliche Stabilität. Nährstoffreiche Sedimente, die vom Wasser transportiert werden, sind entscheidend für die Ernährung und die Fortpflanzung von Fischen. Doch eine Untersuchung der Unesco ergab, dass im nördlichen Teil der Mekongregion bereits 70 Prozent der Sedimente von den vielen Dämmen zurückgehalten werden. Die damit verbundene Blockade von Nährstoffen wirkt sich auf die Eiweißversorgung von Millionen Menschen im Süden des Flussgebiets aus. Der Tonle Sap in Kambodscha gilt als produktivster Süßwasserfischereiplatz der Welt – aber nur solange sediment- und nährstoffreiches Mekongwasser ungehindert in diesen 2.700 Quadratkilometer großen See fließen kann.

Eigentlich wäre es Aufgabe der Mekong River Commission (MRC), die „gemeinsamen Wasserressourcen und die nachhaltige Entwicklung des Mekong zu verwalten“. Das sagen die Statuten der Körperschaft, der Laos, Kambodscha, Thailand und Vietnam angehören. Doch die bald 25 Jahre währende Kooperation sei durch Bürokratie und vor allem von die Eigeninteressen ihrer Mitgliederstaaten gelähmt, klagen die Kritiker.

750 Kilometer südlich der Tad Lo Lodge, in der vietnamesischen Stadt Can Tho: Es ist sechs Uhr früh. Auf dem schwimmenden Markt herrscht Hochbetrieb. Bauern verkaufen von Holzbooten aus Früchte, Gemüse und Hühner. Eine Frau mit traditionellem Strohhut bietet auf ihrem Boot „Pho“ an, vietnamesische Reisnudelsuppe mit geschnittenem Rindfleisch und Schalotten.

Die „Reisschüssel Asiens“

„Es gibt kein besseres Frühstück“ erzählt Yuen, ein dreißigjähriger Geschäftsmann, während er die Nudeln laut schlürfend in den Mund zieht. Hier, im Distrikt Cai Rang in Vietnam, wo sich der Mekong ins Südchinesische Meer ergießt, zeigen sich die Folgen des flussaufwärts herrschenden Baubooms an jeder Ecke. 20 Prozent der 92 Millionen Einwohner Vietnams leben im Mekongdelta, einem Gebiet, fast so groß wie die Schweiz. 75 Prozent der Früchte und des Gemüses Vietnams sowie viele Zuchtfische und Krabben werden in diesem Dreieck produziert. Bekannt ist die Region aber vor allem wegen ihrer Bedeutung als Reisschüssel Asiens: Die Hälfte des in Vietnam produzierten Reises stammt aus dem Mekongdelta.

Doch das Mekongdelta als Garten der Nation ist bedroht – möglicherweise auf fatale Weise, wie die Weltbank warnt. Es ist nicht nur der Schwund von Sedimenten und damit Nährstoffen im Flusswasser. Der steigende Meeresspiegel – eine Folge des globalen Klimawandels – lässt Salzwasser immer weiter in die Agrargebiete eindringen. Gleichzeitig wird der Zustrom von Süßwasser aus dem Mekong mit dem Bau jedes neuen Staudamms in seinem Oberlauf schwächer.

Kuye, bauer in laos

„Wir konnten uns auf einen Baum retten. Wir haben alles verloren. Ich war mein eigener Chef. Jetzt bin ich ein Bettler“

Reis wird im Delta traditionell in stehendem Wasser angebaut. Fehlt es an frischem Süßwasser, steigt die Salzkonzentration auf den Feldern. Die Reispflanze kann sich dann nicht entwickeln oder stirbt. „Das Wasser enthält heute rund 20-mal so viel Salz wie noch vor ein paar Jahren“, erzählt Yuen, „und das vergiftet alles, nicht nur den Reis.“ Der Vater zweier Kinder fürchtet um die Zukunft.

Später, wieder auf festem Boden, zeigt er auf die Überreste einer Pflanzung von Bananenbäumen – die normalerweise grellgrünen Blätter sind braun. „Immer mehr Landwirte diversifizieren deshalb in die Zucht von Krabben, weil die Tiere den hohen Salzgehalt ertragen können“, sagt Yuen.

Abhängigkeit von Thailand

Der schleichende Rückgang der Reisproduktion wird Folgen haben: Das Getreide ist nicht nur Hauptnahrungsmittel für Millionen Menschen, sondern oftmals die einzige Nahrung, die sich arme Familien in ausreichenden Mengen leisten können. Analysten warnen vor drohenden Versorgungsengpässen. Der vietnamesische Ökologe Nguyen Huu Thien ist tief besorgt über die Entwicklung in den nächsten 15 bis 20 Jahren. „Ich bin nicht sicher, wie Vietnam als Nation überleben kann ohne das Delta.“

Als wirtschaftlich stärkstes Land der Region ist Thailand der wichtige Absatzmarkt für die Elek­trizität aus den laotischen Kraftwerken. Das macht Laos abhängig vom Willen Bangkoks. Vergangenes Jahr erlebten die Regierenden in Laos einen Schock, weil die Elektrizitätsbehörde von Thailand einen Vertrag über die Abnahme von Strom aus einem großen Kraftwerk kurzzeitig suspendiert hatten. 90 Prozent des produzierten Stroms waren eigentlich für den Export nach Thailand vorgesehen.

Doch die thailändische Regierung hatte die gesamte Stromversorgung überarbeitet. Das Ziel: Statt sich weiterhin auf den Import aus den Nachbarländern zu verlassen, sollte Thailand vermehrt selbst Strom generieren – aus erneuerbaren Quellen wie Sonne, Wind und Biogas. Bis 2036 will man so den Anteil der Elektrizität aus erneuerbaren Energiequellen von 20 auf 30 Prozent steigern, erklärt das thailändische Energieministerium. Wasserkraft zähle nicht dazu.

Grund für das Umdenken ist weniger der Wunsch nach umweltfreundlichen Alternativen, es sind vielmehr die Kosten. Nach Angaben von Brian Eyler, dem Südostasiendirektor der Denkfabrik Stimson Center, zeigten mehrere Studien, dass große Staudämme deutlich teurer im Unterhalt sind als bisher angenommen. Diese Kosten würden über den Preis an die Abnehmer weitergegeben. Das stelle die Wettbewerbsfähigkeit solcher Anlagen infrage – und damit das Geschäftsmodell der laotischen Regierung. Sollte Thailand seinen Strom vermehrt selbst produzieren, statt ihn zu importieren, seien die Staudämme im Mekonggebiet „kommerziell nicht überlebensfähig“, sagt Eyler. Doch damit nicht genug: Auch China habe bereits einen „massiven Kapazitätsüberschuss“. Kurz: Der gesamten Region Mekong droht eine Stromschwemme.

Das einzige Land, das eine zu hohe Stromproduktion in Laos vielleicht absorbieren könne, sei Vietnam, glaubt Eyler. Die dortige Regierung sei aber „logischerweise sehr zurückhaltend, Elektrizität aus Wasserkraft zu importieren“, nachdem Studien „konsequent zeigen, dass die Staudämme das Mekongdelta vernichten“. Eyler, ein Experte für grenzübergreifende Politik in den Mekongländern, sieht für Laos langfristig nur eine Lösung: die strikter Fokussierung auf erneuerbare Energien. Das ärmste Land der Region müsse „eine ­grünere, sauberere und deutliche weniger risikobehaftete ‚Batterie Südostasiens‘ werden“, empfiehlt er.

Zurück ins laotische Pakse. Die Unsicherheit seiner Existenz hat das Überschwemmungs­opfer Kuye depressiv werden lassen. „Ich bin eigentlich immer traurig“, sagt er, selbst wenn er einmal Glück habe und etwas verdiene. Meist aber wisse er nicht, was er am Abend essen könne, erzählt er. Am schlimmsten aber sei das Schuldgefühl, nicht länger für seine Familie sorgen zu können. Selten, vielleicht einmal im Monat, kann er seiner Frau etwas Geld schicken. „Ich war mein eigener Chef“, erzählt Kuye, mit Tränen in den Augen. „Jetzt bin ich ein Bettler.“ Der Schlamm des Dammes hat nicht nur seine Existenz weggespült. Er hat ihn seiner Würde beraubt.

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