Streit der Woche: Sind Ratingagenturen überbewertet?

Seit der Eurokrise zählen Ratingagenturen zu den ausgemachten Buhmännern in Europa. Überbringen sie nur die schlechten Nachrichten oder verursachen sie diese selbst?

Portugisen demonstrieren dagegen, dass ihre Staatsanleihen nur noch Ramsch-Status haben. Bild: Hugo Correia/reuters

Wenn ich jemandem Geld gebe, wie sicher kann ich mir dann sein, dass er mir die geliehene Summe plus Zinsen am vereinbarten Tag zurückzahlt? Eine simple Fragestellung, die den amerikanischen Finanzanalysten John Moody vor etwas mehr als hundert Jahren dazu brachte, die weltweit erste Ratingagentur zu gründen. Der Bedarf nach einem unabhängigen Unternehmen, das die Kreditwürdigkeit von Firmen und Staaten objektiv bewerten konnte, schien groß zu sein, denn schon wenige Jahre nach der Gründung überwachte Moody's bereits so gut wie alle Anleihen, die auf dem amerikanischen Markt verfügbar waren. Heute steht seine Firma mit ihrer Dienstleistung im Ranking der größten Buhmänner ganz weit oben.

Denn Moody's ist eine von nur drei Ratingagenturen, deren Stimme Gewicht hat. Wenn Moody's, Standard & Poor's oder Fitch Ratings sagen: "Vorsicht, der Kreditwürdigkeit dieses Landes kann man nicht mehr trauen" , dann schießen die Zinsen für die Staatsanleihen des Landes schnell in die Höhe und es kann sich noch schwerer aus der eigenen Verschuldung befreien.

Im Juni ging es Griechenland so, im Juli dann Portugal und Irland. "CCC" oder "Ba1" nennen die Agenturen ihre Ratings, "Ramsch-Niveau" fasst es die Presse etwas greifbarer zusammen und die Ratings der Agenturen drohen zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung zu werden.

Kritik lässt da nicht lange auf sich warten. "Europa darf sich nicht von drei US-Privatunternehmen kaputt machen lassen", sagte die EU-Justizkommissarin Viviane Reding der Welt und forderte die G20-Staaten auf, das Agenturen-Kartell zu zerschlagen. Der SPD-Fraktionsvorsitzende Frank-Walter Steinmeier sagte der Wirtschaftswoche, Ratingagenturen seien "ein ernst zu nehmendes Problem für die Stabilität von Staaten". Sie seien nur dem Profit verpflichtet und trieben notleidende Länder systematisch in die Pleite.

Die Ratingagenturen selbst hingegen sehen das naturgemäß anders. Torsten Hinrichs, Deutschland-Chef von Standard & Poor's, sagte der taz in einem Interview: "Nicht wir sind schuld an den wirtschaftlichen Problemen. Die Versäumnisse hat die Politik in den jeweiligen Ländern zu verantworten."

Was meinen Sie? Wird den Ratingagenturen zu Recht vorgeworfen, sie trägen eine Mitschuld an der Eurokrise oder verhält man sich mit solcher Kritik wie ein König, der den Sendboten köpfen lassen will, nur weil er ihm eine schlechte Nachricht überbringt? Anders gefragt: Sind Ratingagenturen überbewertet?

Beziehen Sie Stellung! Die taz wählt einen kurzen, prägnanten Beitrag aus und veröffentlicht ihn im Wochenendmagazin sonntaz, das der gedruckten Ausgabe am Samstag beiliegt. Der Kommentar sollte für diesen Zweck 600 bis 700 Anschläge umfassen und mit Email-Adresse und Klarnamen des Autors versehen sein.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben