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Strategie der Schlaumeier

Kapitulation Beim 2:2 auf Schalke macht Dortmunds wechselfreudiger Trainer Thomas Tuchel deutlich, dass er den Meistertitel bereits abgeschrieben hat. Er setzt auf die Europa League

taz | Mit der Verteidigungsrede für seinen auf Hochtouren rotierenden Trainer war Michael Zorc gerade durch, als ihn eine Information von der britischen Insel erreichte. Dort gewann der FC Liverpool am frühen Sonntagabend sein Punktspiel gegen Stoke City mit 4:1. „Das wird alles andere als ein Kindergeburtstag“, hatte Chefcoach Jürgen Klopp das Intermezzo zwischen den beiden aufregenden Europa-League-Duellen mit seiner alten Liebe Borussia Dortmund vorab beschrieben. Und deren Manager Zorc berichtete mit sichtlichem Genuss, wie Klopp die Herausforderung in der Premier League nun angegangen war. „Ich habe gerade die Aufstellung von Liverpool gesehen“, erwähnte er. „Die haben auch acht Wechsel.“

Genauso viele wie BVB-Übungsleiter Thomas Tuchel beim 2:2 auf Schalke, drei Tage nach dem 1:1 im ersten Kräftemessen mit den „Reds“ von der Anfield Road. Unentschieden also, so weit das Auge reicht, und von einem weiteren Remis am nächsten Donnerstag träumte Nuri Sahin bereits in der Gelsenkirchener Arena. „Mit einem 2:2 in Liverpool kämen wir weiter“, betonte der Mann aus dem defensiven Mittelfeld der Borussia. Während sein Trainer das Alltagsgeschäft Bundesliga in diesem speziellen Fall sehr großzügig betrachtete und erklärte: „Mit dem Punkt auf Schalke kann ich gut leben.“ Auch wenn er gleichbedeutend war mit der innerlichen Kapitulation der Schwarz-Gelben im Titelrennen.

Offizielle Glückwünsche Richtung München entsandten sie danach zwar nicht. Doch angesichts von sieben Punkten Rückstand auf unbeirrt siegende Bayern und nur noch fünf ausstehenden Spielen reicht das kleine Einmaleins, um festzuhalten: An der Säbener Straße können sie die Meisterschale schon mal vorpolieren. Während Tuchel mit seiner Mega-Rotation auf Schalke klarmachte, worauf der Fokus der Dortmunder in diesem Frühling liegt: Auf dem Gewinn der Europa League. Jenem internationalen Wettbewerb, der dem Verein in seiner Trophäenabteilung noch fehlt – und der im nun wohl entschiedenen Titelrennen in Deutschland eine nicht unerhebliche Rolle einnahm.

„Wir haben zuletzt fast immer sonntags gespielt. Die Bayern dagegen konnten immer samstags vorlegen – das hätten wir auch mal gerne gemacht und mit zwei Punkten Rückstand den Druck auf München etwas erhöht“, erklärte Tuchel die Tücken der eigenen Erfolge im kleinen kontinentalen Klubwettbewerb. Dort ist seine Mannschaft bereits seit der dritten Qualifikationsrunde zugange, das Rückspiel in Liverpool ist für die Westfalen die 16. Partie in der Europa League. Das ist eine halbe Bundesligasaison – und für die vielbeschäftigten Borussen deshalb Grund genug, diese Trophäe bei einem derartigen Aufwand auch auf Teufel komm raus gewinnen zu wollen.

Deshalb wärmten Edelkicker wie Henrikh Mkhitaryan, Marco Reus, Pierre-Emerick Aubame­yang oder Ilkay Gündogan am Sonntag die Reservebank. Und deshalb hatte mit Ausnahme des früheren BVB-Trainers Ottmar Hitzfeld („Ich hätte mich das nicht getraut“) auch keiner etwas an Tuchels Wechseln auszusetzen. Der 42-Jährige räumte schon vor dem Schalke-Spiel offen ein, dass ihm der Sprung ins Halbfinale der Europa League wichtiger sei als ein Derbysieg. Im Sinne von Michael Zorc, der Tuchels Präferenz so erklärte: „Weil es schlauer ist.“

An der Säbener ­Straße können sie die Meisterschale schon einmal vorpolieren

Deshalb kann der Schampus im Bayernland schon kühl gestellt werden – mit besten Grüßen vom BVB-Manager. „Es ist noch nicht das Ende der Saison – aber es ist klar, dass die Spiele immer weniger werden und die Bayern immer gewinnen“, sagte Zorc und kommentierte das gefühlte Ende im Meisterschaftskampf unverblümt: „Wir sind doch alles Realisten.“ Deshalb setzen die Dortmunder voll auf einen Erfolg in der Europa League. Und als Zugabe gerne auch im DFB-Pokal. Ein Finale gegen die soeben sanft in Richtung Meisterschaft geschubsten Bayern nicht ausgeschlossen. Andreas Morbach

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