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StadtgesprächGabriele Lesser aus WarschauDie Angst vor Messerstechereien an Schulen lähmt Polens Jugend. Nach drei aktuellen Fällen hat die Polizei schon über hundert junge Leute festgenommen

Die junge Frau am Nebentisch eines Cafés im Warschauer Einkaufszentrum Wola-Park wird laut. „Ich will nicht ermordet werden!“, schreit sie. „Schon gar nicht mit einem Messer!“ Ein schlaksiger junger Mann hechtet mit einem Sprung zu ihr hin und hält ihr den Mund zu. „Hanna, nicht so laut! Da kommt gleich die Polizei. Und dann müssen wir alle auf die Wache. Hast du Lust auf ein Verhör?“

Ich stehe von meinem Tisch auf und gehe zu den Jugendlichen hi­nü­ber. „Sorry“, sage ich, „ich habe mitgehört. Ich habe auch schon über die Messerattacken an polnischen Schulen geschrieben.“ Langsam ziehe ich einen Stuhl heran und setze mich an ihren Tisch. – „Sind Sie von der Polizei“, fragt ein anderer Junge mit aufgerissenen Augen. –„Nein“, beruhige ich. „Ich bin Journalistin. Genau gesagt Auslandskorrespondentin.“ –Er nickt: „Also auch nicht so eine Psychotante?“ –Ich schüttele den Kopf und deute fragend auf meinen Teller auf dem Nebentisch. Die beiden nicken. Ich kann ihn holen.

„Seit den Messerattacken reden wir über nichts anderes mehr. Ich hab solche Angst. Wenn ich nur ein Messer sehe, fange ich schon an zu schreien“, sagt Hanna und fährt sich mit beiden Händen durch die Kurzhaarfrisur mit den grünen Strähnchen. Piotr, der ihr noch vor einem Moment den Mund zugehalten hatte, stimmt zu: „Wir alle haben Angst, auch wenn das nicht alle zeigen. Aber letztens habe ich geträumt, dass ich mit einem Maschinengewehr vor meiner Klasse stehe und – ratatatata – alle niedermähe.“ Ihm schießen die Tränen in die Augen.

Dann umklammert er meinen Arm: „Schreiben Sie das bloß nicht! Da komme ich in den Knast oder in die Klapse, wenn die das rauskriegen!“ Er sieht die anderen knapp 20-jährigen Jugendlichen in der kleinen Runde an: „Ich würde euch doch nie umbringen! Niemals!“

Viele Teenager und Erwachsene in Polen stecken noch immer in der Schockstarre, die eine Serie von Messerattacken an polnischen Schulen Anfang Oktober ausgelöst hatte. Im 1.200-Seelen-Dorf Leszczydół-Nowiny bei Warschau hatte ein 15-Jähriger eine Lehrerin und den Rektor seiner ehemaligen Grundschule mit einem Messer schwer verletzt und die 37-jährige Hausmeisterin ermordet.

Am Tag zuvor hatte ein 19-Jähriger in Ostrołęka, einer Stadt mit knapp 50.000 Einwohnern im Nordosten des Landes, neun Personen mit einem Messer angegriffen: zwei Lehrer, fünf Schüler und zwei Passanten, die gerade an der Berufsschule vorbeigingen. Kurz vor seiner Festnahme brachte sich der Täter eine so große Wunde am Arm bei, dass er ins Krankenhaus eingeliefert werden musste.

Am 10. Oktober stach in der Hauptstadt Warschau eine 21-Jährige völlig unvermittelt auf drei Frauen vor einer weiterführenden Schule für Erwachsene ein. Dabei galt der Stadtteil Praga-Süd, ein ehemaliges Di­plo­ma­ten- und Villenviertel, bis dahin als besonders ruhig und sicher.

Die Motive aller drei Täter sind bis heute unklar. Politiker und Publizisten geben Social Media die Schuld an der zunehmenden Brutalisierung der polnischen Gesellschaft. In der Vergangenheit hatten bereits mehrfach Hassposts unter Gleichaltrigen an Schulen für Aufregung gesorgt.

„Man weiß gar nicht, wem man noch vertrauen kann“, klagt derweil Ewa im Einkaufszentrum. „Die Polizei hat inzwischen in ganz Polen fast hundert junge Leute festgenommen, bei denen man wahre Waf­fen­arsenale gefunden hat – entweder zu Hause oder im Schließfach in der Schule.“

Der neben ihr sitzende Adam mit den Tattoos an Hals und Unterarmen lacht sarkastisch: „Kriegsveteranen gegen Hitler und Stalin, Solidarność-Kämpfer gegen die Kommunisten und dann wir – die Messerstechergeneration!“ Hanna ist empört: „Was redest du denn da? Die Helden von damals – das waren doch nicht alle! Ich bin mit Sicherheit kein Messerstecher! Aber wer weiß schon, wie viele Möchtegernkiller auf unsere Schule gehen? Das ist doch das Problem!“