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Stadtgespräch Natalie Mayroth aus MumbaiIn Indiens Wirtschaftsmetropole sollen alle Ta­xi­fah­re­r:in­nen jetzt nachweisen, dass sie die Lokalsprache Marathi beherrschen

Die Straßen sind dicht befahren in Westindiens Wirtschaftsmetropole Mumbai. Es ist laut und man hört ein Sprachgewirr aus Marathi, Hindi, Englisch und anderen Sprachen. Mohammed Sharif wechselt am Steuer seines App-Taxis im Kopf ständig zwischen den Sprachen hin und her. Der 40-Jährige aus dem nordindischen Uttar Pradesh arbeitet hier seit 20 Jahren als Fahrer. Nun steht er wie Hunderttausende andere vor einer neuen Pflicht.

Seit Mitte August sollen im Bundesstaat Maharashtra, dessen Hauptstadt Mumbai ist, neben den Fahrern regulärer Taxis auch die von App-Taxis Grundkenntnisse der Lokalsprache Marathi nachweisen. Sonst droht eine Sperre bis hin zum Entzug der Fahrerlaubnis. „Kein Marathi, keine Lizenz“, sagte Verkehrsminister Pratap Sarnaik von der lokalen hindunationalistischen Partei Shiv Sena-Shinde. Dem voran ging eine Kampagne zum Lernen von Marathi. Laut Sarnaik erwarben schon 165.000 Personen ihr Sprachzertifikat.

Bisher kam App-Taxifahrer Sharif mit Hindi zurecht: „Ich verstehe Marathi, aber das Sprechen fällt mir schwer.“ Marathi und Hindi sind in etwa so ähnlich wie Deutsch und Niederländisch. Doch wer die eine Sprache spricht, kann nicht automatisch die andere. Verweigern wolle er sich nicht, so Sharif: „Langsam lernt man es schon.“ Im Alltag brauche er Marathi aber kaum, das meiste laufe über die App. Machten die neuen Anforderungen aber zu viele Probleme, überlege er, „einen anderen Job zu machen“.

Die meisten Fah­re­r:in­nen kommen aus ärmeren Teilen Indiens. Maharashtras Regierung aus den hindunationalistischen Parteien BJP und Shiv Sena-Shinde begründet die Sprachregel mit besserem Austausch. Kri­ti­ke­r:in­nen sehen darin einen Eingriff in die Lebensgrundlage von Migrant:innen.

Die 26-jährige Pratiksha Jaya Prabhakar unterstützt den Vorstoß. Die Regionalpartei Shiv Sena und ihre Abspaltungen entstanden aus einer Bewegung, die sich in den 1960ern für Privilegien der Maharashtrier gegen Einwanderung einsetzte. Die Sozialarbeiterin weist darauf hin, dass man für Rikscha- oder Taxilizenzen seit mindestens 15 Jahren in Maharashtra leben muss: „Wenn man so lange hier ist und die Sprache trotzdem nicht lernt, ist das bedauerlich.“ Ihr gehe es nicht um Identitätspolitik, sondern um den Schutz ihrer Sprache.

Dabei ist Mumbai linguistisch vielfältig: Neben Marathi und Hindi werden auch Gujarati, Englisch, Urdu, Tamil, Telugu und Kannada gesprochen. Im Alltag hilft man sich oft mit einzelnen Wörtern und Gesten. Aus dem gemischten Wortschatz entstand der verkürzte und direktere Umgangsslang „Bambaiya Hindi“.

Der Mittdreißiger Francis räumt ein, dass ohne Marathi der Umgang mit den lokalen Behörden manchmal schwierig sei. Viel ändern werde sich aber wohl nicht: „Selbst wenn es zu einer Marathi-Pflicht kommt, werden Leute in der Sprache sprechen, in der sie sich wohlfühlen.“ Ihn sorgt eher ein Fahrermangel.

Doch trotz der politischen Kon­troverse findet es der 38-jährige Fotograf Yash gut, wenn Menschen, die in Mumbai leben, Marathi lernen. Sich diese Mühe zu machen, sei eine Form von Respekt: „Es gibt einen gewissen Stolz auf unsere Sprache, der manchmal mit Arroganz verwechselt wird.“ Doch bezweifelt er, dass es dafür eine Vorschrift braucht.

Der Vorstoß ist Teil einer Debatte darüber, welchen Platz Marathi künftig einnehmen soll. Gerade, da die Zentralregierung in Delhi das nordindische Hindi fördert. Eine Befragung von knapp 400 Pend­le­r:in­nen zeigte, dass die Mehrheit die Regel ablehnt, vermutlich, da andere Probleme auf der Agenda des Verkehrsministers wichtiger erscheinen. Für die Regionalpartei Shiv Sena-Shinde ist es dagegen wichtig, ihr Profil auch gegenüber Abspaltungen und anderen Hindunationalisten zu schärfen, die sich für die lokale Bevölkerung einsetzt. Die Partei mobilisiert seit Jahrzehnten für Marathi-Rechte und ist berüchtigt für ihren harten Umgang mit Migrant:innen.

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