Sprache und Politik: Lingua AKP

Ein in der Türkei neu erschienener Essayband untersucht, wie die Sprache der AKP-Regierung die Gesellschaft formt und verändert.

Zamanın Kelimeleri (Die Wörter der Zeit) ist eine Diskursanalyse der „politischen Sprache der Neuen Türkei“ Foto: 140 journos

Wie so vieles in der Türkei, ist auch die türkische Sprache Gegenstand politischer Auseinandersetzungen. Die AKP will ihre eigene Sprache schaffen. Dies geschieht aber nicht in Behördenbüros wie zu Zeiten Atatürks, als mit dem Vorschlaghammer gegen osmanische Überreste vorgegangen wurde, sondern in einem urbanen und digitalen Umfeld. Der Istanbuler Germanist Tanıl Bora, als langjähriger Herausgeber der Zeitschrift Birikim ein intellektuelles Schwergewicht der traditionellen Linken, wagt in seinem soeben erschienenen Buch Zamanın Kelimeleri (Die Wörter der Zeit) eine Diskursanalyse der „politischen Sprache der Neuen Türkei“, so der Untertitel.

Bora macht sich den Ansatz Viktor Klemperers zu eigen, der in Lingua Tertii Imperii (LTI) zeigt, dass die Wirkung der Sprache des Dritten Reiches weniger in einzelnen spektakulären Reden zu suchen ist als vielmehr in der allgegenwärtigen Wiederholung der immer gleichen, mit ideologischen Vorstellungen aufgeladenen Begriffe.

Fast jeder der kurzen Essays in Die Wörter der Zeit behält die verschiedenen Ebenen im Auge, auf denen Diskurs in der Politik, im öffentlichen Raum, in Medienberichten, Alltagsgesprächen, Werbeerzeugnissen und wirtschaftlichen Transaktionen auftritt und wirkt. Neben einem naheliegenden Fokus auf die eigenwillige Sprache Erdoğans interessiert sich Bora vor allem für die Konsumsphäre und die Formen, in denen auch oppositionelle Menschen die politische Sprache der Neuen Türkei mitsprechen. So konstatiert er beispielsweise, wie die Opposition die AKP größer macht als sie ist, indem sie alles Neoliberale mit ihr gleich setzt, wie es der Diskurs der neuen Türkei gebietet.

Wer ist hier das „Opfer“?

Die „Neue Türkei“ selbst ist ein solcher Begriff. Er wurde nicht von der AKP, sondern vom BBC-Korrespondenten Chris Morris geprägt, der 2005 mit The New Turkey ein hoffnungsfrohes Buch über die modernisierende Kraft des moderaten Islam vorlegte. Die AKP machte sich den Begriff erst um 2014 im großen Stil zu eigen, um den Anspruch zu untermauern, „dass unser Land ab jetzt in der Championsleague der Staaten und Nationen mitspielt“, wie der damalige Kulturminister Ömer Çelik so schön formulierte.

Kernbegriffe des Konservativismus bekommen bei Bora gebührende Aufmerksamkeit. Etwa die Phrase „heimisch und national“ (yerli ve milli) als normative Anforderung an Denk- und Verhaltensweisen, als Abstammungs- und Reinheitsdiskurs. Oder der Begriff „Treue“ (sadakat), bei dem der Autor Verweise auf NS-Sprache mitliefert, aber nie mit dem Ziel, einen umwerfenden Nazivergleich hinzulegen. Der Autor versteht es, einen faszinierenden Bogen zwischen der großen Politik und dem kleinen Mann zu spannen und dabei Nuancen herauszuarbeiten, die bei allen augenscheinlichen Parallelen doch maßgebliche Unterschiede zur Welt von Klemperers LTI aufweisen.

Zum Beispiel bei dem auch in Deutschland äußerst beliebten Begriff „Opfer“ (mağdur): Erdoğan ist „Opfer“ des Putschversuches vom Juli 2016, während der türkische Einzelhandel uns mahnt, kein „Opfer“ zu werden, wenn mal ein Produkt nicht sofort verfügbar ist. Wie dieses Wort, das im Osmanischen eine Rechtskategorie war, in die heutige Kundenansprache eingegangen ist, spürt Bora in Online-Kundenbewertungen nach, wo der kleine Mann in einem Fünf-Sterne-Hotel „Opfer“ eines unzureichenden Frühstücksbüffets geworden ist.

In der inflationären Verwendung des Begriffes „Opfer“ macht Bora ein doppeltes strategisches Anliegen aus: Erstens im andauernden Geltendmachen von eigenen Verlusten seine privaten Ansprüche durchzusetzen und zweitens die Erfahrungen von Menschen, die wirklich schwerer staatlicher oder familiärer Gewalt ausgesetzt sind, zu relativieren und zu entwerten. Bora geht an dieser Stelle auf Kritik der Menschenrechtsstiftung TIHV an der Arbeit des staatlichen Amtes für Opferhilfe ein, das Folteropfer als „atypisch“ marginalisiert und einem „paternalistischen Staatsverständnis“ folgend anhand von Sonderkriterien statt universeller Rechte bestimmt, wer Opfer ist und wer nicht.

„Mein allernatürlichstes Recht“

Adorno hatte in der Phrase „Das kommt überhaupt gar nicht in Frage“ potentiell schon die Machtergreifung der Nationalsozialisten ausgemacht. Der private Wille, gestützt auf Befugnisse oder bloße Frechheit, wird als unmittelbare, objektive Notwendigkeit dargestellt und lässt keinen Einspruch mehr zu. Bora findet in Wendungen wie „mein allernatürlichstes Recht“ (en doğal hakkım) die Machtergreifung der AKP.

Gas gegen Demonstrierende einzusetzen wird als „allernatürlichstes Recht“ der Polizei proklamiert, so wie der parteipolitische Machtausbau durch Missbrauch des Amtes des Staatspräsidenten Erdoğans „allernatürlichstes Recht“ ist. Es ist die Fülle an Werbeslogans von Möbelhäusern und Istanbuler Shoppingmalls á la „Mich besonders zu fühlen, ist mein allernatürlichstes Recht“, kraft derer aus der eigenwilligen Phrase ein Artefakt eines totalitären Diskurses wird. Die Privatinteressen einer verwöhnten urbanen Mittelschicht, die sich immer für zu kurz gekommen hält, treten im Gewand des Naturrechts auf, das Einsprüche und die sie Erhebenden beseitigen muss, so Bora.

Die Befunde des Autors sind faszinierend, aber auch er hat seine blinden Stellen. Wenn er beispielsweise Überlebende staatlicher Gewalt oder inhaftierte kurdische Politiker*innen zitiert, wie sie einzelne Begriffe aus der Lingua AKP benutzen, hält er sich kaum bei der Frage auf, ob sie diese bloßstellen, parodieren oder aneignen wollen. Dabei bewegt sich auch Bora selbst nicht außerhalb der Netze des Diskurses.

Er schlägt die Übersetzung „Overmind“ für üst akıl vor. Overmind ist im Science Fiction eine Art Megacomputer, aber üst akıl meint, dass hinter allem, was passiert – sozialen Bewegungen, Finanzmarkteinbrüchen, Bombenanschlägen – immer ein unsichtbarer, höherer Verstand steckt. Ganz in der Tradition der antiimperialistischen Linken lässt sich Bora auf die Erklärung ein, dass damit irgendwie der Westen gemeint sein könnte. Dabei hat Marc Baer in der taz überzeugend gezeigt, dass diesem Begriff (den er mit „Strippenzieher“ wiedergab) eine Kernfunktion im Antisemitismus der AKP, aber auch weiten Teilen der Opposition, zukommt. Wenn wir alle irgendwie verstrickt sind, hilft nur, dass wir uns gegenseitig auf unsere Blindheit hinweisen.

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