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berliner szenenSpeed­dating­Report

Irgendwann zwischen dem dritten Bier und dem zweiten Whiskey Sour sei er einfach ausgestiegen, erzählt Jan. Zwar sei er noch anwesend gewesen und habe die Stimme der Frau neben sich vernommen, den Sinn ihrer Worte aber habe er nicht mehr verstanden.

Wir sitzen im Prassnik und versuchen herauszufinden, wer an den Zweiertischen gerade ein Tinderdate hat. Unterdessen berichtet Jan von seinem letzten Rendezvous im Würgeengel. Die Sache ließ sich gut an, die Frau hatte Witz, sah toll aus, und sie schienen auf einer Wellenlänge zu sein. Sie unterhielten sich über Liebe, Arbeit, Kino, Erfahrungen mit Bufotenin, Psilocin und das Leben in L. A. Beide hatten die Stadt zunächst gehasst, später dann geliebt.

Wann genau die Unterhaltung gekippt sei, könne er nicht mit Bestimmtheit sagen, nur dass es gegen Mitternacht gewesen sei und der Lärm um sie herum ohrenbetäubend. Er erinnere sich noch, wie das Armband der Frau plötzlich gerissen sei und lauter winzige Kieselsteine über den Tisch gekullert seien. Das sei der letzte gemeinsame Moment gewesen. Von da an habe die Frau das Gespräch im Alleingang bestritten. Sie habe jetzt über Rudolf Steiner und die Kabbala gesprochen. Er habe sich noch gefragt, warum es ihr so offensichtlich nichts ausmachte, sein Schweigen, und dann, warum es ihm nichts ausmachte, ihr Reden.

Schließlich sei er einfach aufgestanden und gegangen. Schon in der Tür habe er kurz überlegt, ob er sich noch einmal nach ihr umdrehen und ihr zuwinken solle, dann habe er die Tür schnell hinter sich zugemacht. Die Stille draußen vor der Tür sei ihm eine solche Wohltat gewesen, dass er den ganzen Weg zum Prassnik zu Fuß zurückgelegt habe. Ich sehe Jan an, sein Haar ist nass und seine Augen glänzen. Dieses Speeddating hinterlässt seine Spuren, denke ich.

Sascha Josuweit

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