Nils Schuhmacher Hamburger Soundtrack: Spannende neue Ideen
Hamburg und die Welt. Das passt. Immerhin verfügt die Stadt übers „Tor zur Welt“, in der Elbphilharmonie singt der „Chor zur Welt“, das Gebäude selbst firmiert als das „schönste Steuergrab der Welt“ (Cicero). Und wer will den „Welt-Astra-Tag“ vergessen? Außer die Brauerei, die 2014 entschied, sich „in puncto Markenerlebnis weiter[zu]entwickeln und den Fokus auf spannende neue Ideen [zu] setzen“. Wie soll man auch in Hausbruch, dem neuen Standort, Kiezkult-mäßig feiern?
Nun gesellt sich zu all diesen Weltwundern bald ein weiteres hinzu: der „Turm zur Welt“ (siehe Seite 48). Neben den Elbbrücken, wo die Stadt noch eines ihrer wenigen verbliebenen hässlichen Gesichter aufsetzt, angeschlagene Bruchbuden allabendlich graugesichtige Pendler zum Beispiel Richtung Neugraben-Fischbek und Hausbruch verabschieden, rund hundert Fahrbahnen Rothenburgsort mehr oder weniger elegant abzuschirmen versuchen: Dort machen sich bald Fortschritt und Moderne breit.
Der Fortschritt soll 235 Meter hoch werden, sieht dem Entwurf nach aus wie ein verbogener Schuhlöffel, bekommt eine LED-Haut und wurde – glaubt man der Ausschreibungslyrik – von „Weltklassearchitekten“ entworfen. Wie man jüngst aus dem Abendblatt erfuhr, steht das Gebäude aber auch unter dem Verdacht, die Leute mit seinen Lichtreflexen „verrückt“ zu machen, so warnte ein Stadtplaner.
Wer jetzt fragt, ob man dafür ein Haus benötigt oder nicht schon Twitter reicht, ist ein Langweiler. Viel besser ist die Vorstellung, dass es bald gar keine Häuser mehr gibt. Auf dieser Linie operiert die szenische Lesung „Schneckengottt“ (sic!) am 23. 9. (Nachtasyl, 19 Uhr), die Hamburgs Punk-Diva Jens Rachut im Verbund mit anderen Künstler/innen verantwortet.
Gerahmt von Musik und verschrobener Videoanimation wird hier in launischer Art und Weise eine dystopische Vision unseres urbanen Lebens entfaltet, in der die Möglichkeit, als Schnecke wiedergeboren zu werden, mit der Aussicht zusammengeworfen wird, dass das gesammelte Schneckenvolk sich über unsere gesellschaftlichen Errungenschaften von Bier bis Haus ergießt. Auswege? Vielleicht, aber damit wird das Publikum dann allein gelassen.
Kurzum klingt das Ganze genauso verworren, wie es letztlich ist, schafft aber in seiner Überspanntheit ein gewisses Maß an Unterhaltungswert. Dem einen oder anderen Weltwunder würde man ein solches Szenario jedenfalls gönnen. Wäre mal was anderes als immer nur die Brückenspinnen in der Hafencity.
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