Sozialdrama „Aus der Spur“ auf Arte: Mit Zynismus gegen die Schnösel

In der französischen Miniserie „Aus der Spur“ wehrt sich ein gedemütigter Arbeitsloser gegen die Chefetage. Da schwingt Gelbwesten-Geist mit.

Mann mit ergrauendem Bart, im Hemd, im Hintergrund eine 70er-Designerlampe

Éric Cantona als rachsüchtiger Loser Alain, nebst Designerlampe Foto: arte

In Sachen Rahmenhandlung eine altbewährte Praxis: Ein Mann sitzt im Gefängnis und erzählt, wie er dahin gekommen ist. Der neue deutsche Netflix-Spielfilm „Betonrausch“ funktioniert nach diesem Prinzip. Und auch der Arte-Sechsteiler „Aus der Spur“ beginnt damit.

Ein Mann mit Backenbart, geschorenem Kopf, Muscleshirt und Tätowierungen erzählt in die Kamera, wie er da ins Gefängnis gekommen ist: „Nach sechs Jahren Arbeitslosigkeit, zu elenden Jobs und permanenter Erniedrigung verdammt, und der ständigen Bedrohung, die Wohnung zu verlieren, war ich bei kalter Wut angelangt. Manchmal hatte ich Gefühle wie ein Terrorist.“

Dieser Alain Delambre wird gegeben von Éric Cantona. Der ist, sagen wir: Schauspieler und ehemaliger Fußballprofi bei Manchester United – um nicht „schauspielernder Ex-Fußballer“ zu sagen, denn das würde ihm kaum gerecht. In so vielen Filmen, mit Kollegen wie Cate Blanchett („Elizabeth“), Mads Mikkelsen und Eva Green („The Salvation“), hat er in den vergangenen 25 Jahren mitgewirkt. Einmal spielte er sich selbst – in so einem typisch sozialrealistisch-humanistischen Kleine-Leute-Ken-Loach-Film: „Looking for Eric“.

In „Aus der Spur“ – im französischen Original: „Dérapages“: Verwerfungen, Entgleisungen – habe er nun eine Rolle gefunden, die zu ihm passe wie keine andere zuvor, wird Cantona von der dpa zitiert.

Die ersten drei Folgen „Aus der Spur“ sendet Arte am Do., 23. April um 21.10, die restlichen drei Folgen dann genau eine Woche später. In der Mediathek ist die komplette Miniserie bis Mitte Mai verfügbar

Jede Menge Leuchten

In der Serie wird seine Figur, zu Anfang noch ein 500-Euro-Jobber, von einem unflätigen Vorarbeiter umgetreten. Und revanchiert sich gleich mit einem Kopfstoß à la Zidane 2006. So wie der brillante Spieler Éric Cantona abseits des Fußballplatzes nicht eben als umgänglich galt, so macht es auch der von Cantona verkörperte langzeitarbeitslose Personaler Delambre mit seiner niedrigen Erregungsschwelle seiner Frau und seinen erwachsenen Töchtern nicht eben leicht.

„Wenn die Mädchen zum Essen kamen, brachte die eine den Nachtisch und den Wein mit und die andere den Käse und die Vorspeise. Ich fragte mich, ob nicht eines Tages eine von ihnen diskret einen Geldschein auf die Kommode legen würde. Wie im Bordell.“ Seine Brille ist mit Tesafilm geklebt. Den Unterschied zwischen einer Zahlungserinnerung und einer Mahnung kennt er genau, weil er sich daran gewöhnt hat, Rechnungen niemals sofort zu bezahlen.

Die Wohnung, die Alain De­lambre zu verlieren fürchtet, ist voller Schimmel. Designerleuchten (von Kastholm & Fabricius) zeugen von besseren Tagen. Überhaupt hat man in einer Serie selten so viele so ausgesuchte Leuchten gesehen (Szenenbild: Françoise Dupertuis). Das Büro eines schnöseligen Konzernchefs mutet an wie ein 1970er-Jahre-Lampenladen.

In diesem Büro legt also ein kaum weniger schnöseliger Unternehmensberater eine Pistole auf den Tisch und sagt’s: „Ich schlage eine Geiselnahme vor.“ Er meint eine fingierte Geiselnahme: um den stressresistentesten Top-Manager zu finden, für den Job, innerhalb von sechs Monaten 1.250 Leute zu entlassen. (Top-Managerin 1: „Man wird uns jemanden vorsetzen.“ Top-Managerin 2: „Zweifellos einen Deutschen.“)

Der „Kleine Mann“ ändert die Spielregeln

Ganz klar, die Sympathien der Drehbuchautoren (Pierre Lemaitre und Perrine Margaine) und des Regisseurs (der schon einmal Oscar-nominierte Ziad Doueiri) gelten wie bei Ken Loach den kleinen Leuten. Nur dem Humanismus haben sie abgeschworen.

In der Selbstmobilisierung des Alain Delombre kann man leicht eine Referenz auf die Selbstermächtigung der Gilets jaunes erkennen. Er soll bei dem bösen – und jenseits der Filmrealität selbstredend hochgradig kriminellen – Rollenspiel der beiden Schnösel den Re­cruiter geben.

Aber als er erkennen muss, dass die große Chance auf eine Festanstellung nur eine vermeintliche ist – dass auch er nur verladen und einmal mehr gedemütigt werden soll: ändert er die Spielregeln. Macht aus der gespielten eine echte Geiselnahme. Die aber auch nur eine Finte ist. In einem neuen Spiel. Einem, das er selbst abgekartet hat. In dieser clever konstruierten Fiktion.

Einmal zahlen
.

Fehler im Text entdeckt? Wir freuen uns über einen Hinweis!

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de