: Ich, das Wurzelgemüse
Wo ist denn nun Herr S.? Unter den zig Zetteln, Bilderrahmen, Postkarten, Fotografien und Malereien, auf denen sich die Bilder, Zettel und Rahmen spiegeln, vor denen man gerade steht, ist er nicht. Vielleicht ist man selbst „Herr S.“, wo man sich hier – etwas narzisstisch gekränkt – unter all den porträtierten Banalitäten vergeblich suchen muss, die wie die Devotionalien vor einem Reliquienaltar vor einem ausgelegt sind.
Die 1993 verstorbene Anna Oppermann hatte Humor. Galerist Max Mayer zeigt nun mit dem „Porträt Herr S.“ eines ihrer bekannten „Ensembles“ aus den 1970ern. Ein Bündel Radieschen schrumpelt inmitten ihres verwirrenden Objekt-Arrangements vor sich hin, die rosig-rote Schale des Wurzelgemüse-Ichs passt ganz vorzüglich zu den rosa Deckchen, auf denen sie ihr Ensemble anordnete.
Im gleichen Raum dringt schrumpelige Haut aus dem scheinbar monumental vergrößerten Handybildschirm des New Yorker Künstlers Tishan Hsu hervor. Es könnte ein Stück Arm oder Unterschenkel sein. Das Gliedmaß verschmilzt auf der vermeintlichen Bildschirmoberfläche mit Wundmalen, sie sehen aus als hätte man Versorgungsschläuche aus einer Buchdecke gezogen.
Auflösung in kubistische Körper
Auf Loretta Fahrenholz’ digitalen Porträts werden Haut und Körper der abgebildeten Menschen nur noch zu einem seltsamen Muster. Wie Schlangenhaut wirkt die Oberfläche, oder ist es Keilschrift? Tanzende scheinen sich in die Einzelteile kubistischer Figuren aufzulösen.
Klein und konzentriert ist die Ausstellung „Portrait(S)“ in Max Mayers Charlottenburger Galerie mit den drei sehr unterschiedlichen Künstler:innen Fahrenholz, Hsu und Oppermann. Und sie stellt die ganz elementaren Fragen der Bildkunst: Was sehen wir? Und was meinen wir nur zu sehen?
Das fragt man sich auch vor den Fotografien von Dörte Eißfeldt in der Galerie Thomas Fischer. Wellen sieht man. Im immer gleichen Hochformat bauen sich die Wogen des Atlantiks vor einem auf. Der Schaum des Meerwassers legt ein marmornes Muster auf die Bildoberfläche, Lichtreflexionen ziehen vage Striche. Die haben was von einem Eightees-Design, als hätte man mit Photoshop mal die Brush-Funktion angeklickt und ein bisschen hin- und hergepinselt.
Aus der experimentellen Fotografie
Dörte Eißfeldt, Jahrgang 1950, kommt aus der experimentellen Fotografie. Mit ihren Bildern erkundet sie Farben-, Licht- und Raumverhältnisse. Das ist gerade auch in ihrer großen Werkschau im C/O-Berlin zu sehen. Wie in der Malerei geht es ihr auch um die Bildoberfläche. Vielleicht heißen die Fotografien bei Thomas Fisher auch deshalb „Seestücke“, als handelte es sich um William Turners entsprechende Gemälde.
Es sind Inkjet-Drucke. Auf dem großen Format lässt sich verfolgen, wie sich die Druckfarbe auf dem Papier zu einer Abbildung von Meereswellen formiert. Mal sieht man nur einzelne Sprenkel wie Konfetti vor einem Wolkenhimmel, mal fügt sich die Farbe zu einer dichten Schicht zusammen.
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