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berliner szenenSonnigeNach­barschaft

Hallo, mein Schatz!“ – begrüßt mich meine Nachbarin von unten und rauscht an mir vorbei, mit Sonnenbrille und einem Tuch um den Kopf wie ein Hollywood-Star auf der Flucht vor Paparazzi. Manchmal nennt sie mich auch „meine Süße“.

Dann höre ich die Tür wieder, und die Nachbarin vom Vorderhaus geht raus. Sie hebt eine ihrer Krücken in die Luft zur Begrüßung – als wären wir Krückenschwestern, in unseren Einschränkungen vereint.

Dann ist der Nachbar aus dem Vorderhaus dran. Wie immer nimmt er seinen imaginären Hut ab, wenn er mich sieht, und geht mit seinem Pfandbeutel weiter. Als Nächstes fragt mich der Nachbar von nebenan, wie es mir geht. Er deutet mit dem Kinn auf mein operiertes Knie, und dann reden wir über unsere Balkone und die neuen Bauarbeiten an seinem Gebäude. „Hoffentlich wird die Miete nicht teurer“, verabschiedet er sich.

Ich sitze um die Mittagszeit mit einer Thermoskanne Kaffee und einem Glas Müsli vor meiner Haustür – dort, wo um diese Jahreszeit die Sonne lange scheint. Mittlerweile, nach zehn Jahren im Kiez, kennen wir uns alle. Ich liebe es, ein bisschen von diesem Nachbarschaftsgefühl zu spüren.

Ich liebe es, dort zu sitzen – nicht nur, weil ich mit meinen Nach­ba­r*in­nen quatschen kann, sondern auch, weil völlig fremde Menschen mich anlächeln, mir eine zufällige Frage stellen oder einfach „Guten Tag“ sagen. Ob das schöne Wetter eine Rolle spielt, dass alle so nett zu mir sind, weiß ich nicht – weil ich an grauen Tagen dort auch nicht sitze.

Wenn mein Kaffee leer ist, humpele ich weiter bis zum Café unten in meiner Straße und muss mich nur kurz mit einem „Hey, how are you?“ an der Theke melden – und schon steht ein Cappuccino mit Kuhmilch zum Mitnehmen vor mir.

Luciana Ferrando

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