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Sonnenbrille vorm Gesicht

■ Arno Widmann beobachtete Mickey Rourke, Fotografen und Teenager

Eine der Attraktionen des Festivals ist Johnny Handsome, ein Film von Walter Hill (Red Heat, Streets of Fire), in dem Mickey Rourke einen seit seiner Geburt monströs verunstalteten jugendlichen Gangster spielt, der nicht nur resozialisiert werden soll, sondern auch ein neues Gesicht, eine neue Identität bekommt. Das hindert den jungen Mann nicht daran, kaum entlassen, den nächsten Coup zu landen: einen schweren Raubüberfall, bei dem er den Tod von zig Unbeteiligten in Kauf nimmt. Natürlich aus edlen Motiven. Der junge Mann will sich an seinen Gangsterkollegen rächen. Die hatten damals, als er noch sein altes Gesicht hatte, seinen einzigen Freund erschossen, um sich die Beute allein zu schnappen. Mein persönlicher Ratschlag für Kinogänger: Kauft euch für das Geld lieber zwei Cola und vier Bountys. Über die bisherigen Filme zu sprechen, verbieten die elementarsten Regeln der Höflichkeit. Reden wir lieber von der Pressekonferenz mit Mickey Rourke.

Man sitzt harmlos an einem schönen Sommernachmittag auf der Terrasse und liest. Dann wird ein Pflaumenkuchen auf den Tisch gestellt, und nach wenigen Minuten ist man sich sicher, daß alle Wespen aus dem Umkreis von vierzig Kilometern sich auf diese liebliche Terrasse stürzen, um dem Pflaumenkuchen den Garaus zu machen. Nach den Wespen die Fotografen. Es waren mehrere hundert, die vor einem Tisch von sechs Meter Länge sich aufbauten. Manche hatten Beleuchter mitgebracht, die den halben Saal für zehn, fünfzehn Sekunden erhellten, andere blitzten gewitterartig. Dazwischen aufgeregte Teenager, die mit kleinen Taschenkameras nach vorne durch die Beine der Profis gekrochen waren, um ihr Foto vom Star zu machen. „Micki“, ruft jemand hinten. Rourkes Kopf geht hoch. Alles blitzt. Dann wieder „Micki“, „Micki“. Aber der fällt nicht mehr drauf rein. Neben mir - ich sitze in der zweiten Reihe am Mittelgang mit gutem Blick aufs Geschehen - ein Mann, schütteres blondes Haar, Anfang zwanzig. Auch er will sein Foto machen. Er kann es nicht. Zuerst stehen sie vor ihm, die Profis mit ihren großen Taschen, dann die vielen gicksenden Backfische, und als nach fünfzehn Minuten auch die von den Ordnern vertrieben sind, da kann er nicht, weil er zittert.

Mickey Rourke saß oben, Sonnenbrille vorm Gesicht und weigerte sich, ins Mikrophon zu sprechen. Wenn er etwas gefragt wurde, so übersetzte ihm das sein Dolmetscher, dem flüsterte er auch die Antwort zu. Dann nach all dem Hin und Her - der Saal war mucksmäuschenstill geworden - der Dolmetscher ins Mikrophn: „Ja, natürlich, danke.“

Es mag sein, daß wir die Politiker haben, die wir verdienen, aber gilt das auch für die Stars?

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