berliner szenen: So viel toxische Abwässer
Am Ende der Halbinsel zu schwimmen ist so abwegig und wahrscheinlich auch so gefährlich, dass ich es nur im Dunkeln mache. Aber dann ist es immer glorios: Jedes Mal wieder bin ich erstaunt, wie warm die Spree an dieser Stelle ist. Und wie still. Nur aus der Ferne tönen aus einem Biergarten noch leise Stimmen und Gläserklirren. Manchmal zieht ein mit Solarenergie betriebenes Floss still vorbei. Im Wasser spiegeln sich die Lichter wie versunkene Sterne. Unwillkürlich versucht man selbst, keinen Laut beim Schwimmen zu machen, um dieses erhabene Ambiente nicht zu stören. Lange dauert der Schwumm meistens nicht, aber er darf in keinem Jahr fehlen. Danach ist der Sommer meist vorbei.
Wichtig ist erstens, dass einem niemand die Klamotten klaut, während man im Wasser ist. Aber wenn man spät genug kommt, sind die Kinder der Besserverdienenden, denen hier in den letzten Jahren ein steriler Vorort mit bodentiefen Fenstern hingestellt wurde, samt Bluetooth-Lautsprecher abgezogen und haben nur ein paar leere Rosé-Flasche zurückgelassen, und man ist allein. Zweitens sollte man in der Nähe einer Leiter ins Wasser steigen, denn aus eigener Kraft kann man sich möglicherweise nicht wieder am Kai hochziehen, und das wäre dann an dieser Stelle und um diese Zeit wirklich ganz schlecht.
In der Bucht auf der anderen Seite der Halbinsel haben sich seit dem 19. Jahrhundert wahrscheinlich so viel toxische Abwässer von den Fabriken, Werften und dem Zementwerk, die hier früher waren, im Flussbett abgelagert, dass man am dieser Stelle wahrscheinlich wirklich nicht schwimmen sollte. An den folgenden Tagen beobachte ich meine Haut aufmerksam, ob sich Pusteln oder Bläschen bilden. Bisher ist es zum Glück noch immer gut gegangen. Tilman Baumgärtel
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