: So ein schöner Tag
Von unserer Kontext-Redaktion↓
So schön war’s am vergangenen Wochenende, am ersten Samstag ohne Bundesnotbremse in Stuttgart. Keine Ausgangsbeschränkungen am Abend, frisch und frank hinein ins getestete, geimpfte oder genesene Getümmel. Holdrio! Tagsüber gab es so schöne „positive Signale aus dem Handel“, sagte OB Frank Nopper der „Stuttgarter Zeitung“, auch wenn, hach ja, die „Passantenfrequenz nach Aussage mehrerer Beobachter nicht so stark war wie an Samstagen vor Corona“. Dennoch: Da sei ein „Aufblühen“ der Gastronomie zu beobachten gewesen, da haben die Leute – garantiert immer unter Einhaltung aller Corona-Regeln – gesessen, getrunken und gegessen. „Ein schönes Bild: Stuttgart lebt!“, schreibt die StZ.
Und dann – die Schmach am Abend. Diese verdammten Jungen schon wieder. Die sich, noch mit Krawallnacht in den Knochen und sicher viereckigen Augen vom dauernden Homeschooling-Bildschirmkucken, schon wieder zusammenrotten. Hat ja (wie auch in Leipzig oder Hamburg) keiner ahnen können, dass die alle auch gleich mit raus wollen. Oder besser rein, in die Stadt. 500 (in Worten: Fünfhundert) sollen es gewesen sein an der Freitreppe am Schlossplatz und im Schlossgarten – abzüglich einer bisher nicht eruierten Zahl an (sicher zuverlässig) Getesteten, möglicherweise Genesenen, wenn nicht gar Geimpften – wer weiß das schon so genau. Viel zu viele und mit viel zu wenig Abstand auf jeden Fall, weswegen die Polizei erst mit Pferden durch ist, was nicht viel brachte. Ab Mitternacht und weil die Beamten das Nichteinhalten des geltenden Alkoholverbots und der Corona-Regeln bemängelt hatten, kam es zu Flaschenwürfen und zu „massiven“ Polizeibeleidigungen („Acab“ sollen welche gerufen haben, andere Beleidigungen nennt die Polizei auf Anfrage nicht). Fünf Polizeibeamte seien verletzt worden, vier leicht, die konnten weiterarbeiten, eine Polizistin hatte eine Scherbe im Bein. An dieser Stelle: gute Besserung. Und ein Appell: Liebe junge Leute mit zu viel Energie, bringt halt euer Pfand zurück und hört auf mit dem Quatsch.
Andererseits, was machen wir jetzt mit den Jungen? „Verweilverbot“ für den Schlossplatz hatte die Stadt überlegt. CDU-Stadtrat Markus Reiners meinte auch subito, mit so einem „Verweilverbot“ müsse „ein verschärfteres Sicherheitspaket“ einhergehen, „häufigere Polizeikontrollen oder Videoüberwachung“. Die CDU, sie könnte auch ein sich stets widerholender Net-Bot sein. Die Grüne Jugend sah das anders und forderte ein „sofortiges Ende der Verdrängung von jungen Menschen aus dem öffentlichen Raum!“ Jawohl, meinen wir auch, Stichwort Generationengerechtigkeit. Verweilverbot kommt jetzt doch nicht, oder zumindest nicht so ganz, nur der Ort des Anstoßes, die Treppe am Schlossplatz, wird an Wochenenden ab 20 Uhr gesperrt.
Noch eine gute Nachricht: Das Dreigestirn aus Tübingens grünem OB Boris Palmer und seinen Kumpels Richard Arnold, CDU-OB von Schwäbisch Gmünd, und Matthias Klopfer, SPD-OB von Schorndorf, wird nun zur Viererbande. Stuttgarts OB Nopper stellt sich an die Seite seiner Amtskollegen und appelliert an die Landesregierung, die Corona-Sperrstunde für die Gastronomie von 21 Uhr auf 23 Uhr zu verlegen, „dann bekommen wir die Lage wieder unter Kontrolle.“ It’s nahezu schwäbische Mädschig. Darauf ein Prosit! Am besten um 22 Uhr 59.
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen