Snooker-WM mit Ronnie O'Sullivan: Die unstete Rakete

Vom Schweinestall an den Snookertisch: Nach langer Pause samt Bauern–Praktikum versucht Weltmeister Ronnie O'Sullivan seinen Titel zu verteidigen.

Im Tunnelmodus: Ronnie O'Sullivan bei einem Turnier im Jahr 2012. Bild: dpa

Er ist wieder da. Die Präzisionsmaschine. Der Zweifler und Verzweifelte. Der Schnellste von allen, Spitzname „The Rocket“. Manche nennen ihn einen „Snooker-Gott“. Andere haben nichts als Verachtung für ihn übrig.

Pünktlich zur Snooker-Weltmeisterschaft hat der Titelverteidiger Ronnie O'Sullivan seine Auszeit beendet. Ohne größere Vorbereitung besiegte er in der ersten Runde im Crucible Theatre in Sheffield den Schotten Marcus Campbell mit 10:4.

Ohne größere Vorbereitung heißt: Seit Oktober hat der „Spieler des Jahres 2012“ an keinem Turnier mehr teilgenommen, gerade mal, wie er auf einer Pressekonferenz im Februar sagte, an „zehn Tagen in neun Monaten“ überhaupt Snooker gespielt, sich stattdessen ins Privatleben zurückgezogen und ein Praktikum auf einem Bauernhof absolviert.

Mistgabel statt Queue, Schweinestall statt Snookertisch, aber auch: Abwechslung von immer gleichen Trainings- und Spielroutinen. In der Weltrangliste ist O'Sullivan, der dieses Ranking zwischen 2002 und 2010 dreimal dominierte, auf Platz 28 abgerutscht. Für Sheffield qualifizieren musste er sich trotzdem nicht. Als Titelverteidiger ist er gesetzt.

Alle Bewegungen flüssig

Gespannt warteten Fans und Gegner also auf das erste Spiel O'Sullivans gegen Campbell. Würde der Freizeitbauer gleich in der ersten Runde ausscheiden, sich gar blamieren? Oder triumphierte er nun, den Kopf dank der Auszeit frei, wieder so wie in seinen besten Zeiten, den nuller Jahren? Weder noch.

Der Brite spielte so wie immer, teils fahrig und mit haarsträubenden Fehlern und Fouls, teils genial. Die Anfangsphase des Spiels verlief ausgeglichen, beide Spieler ließen Chancen ungenutzt oder verstellten sich den Spielball.

Dann fand O'Sullivan schnell zu dem Spiel zurück, das ihn unverwechselbar macht und, wie viele immer noch irrtümlich behaupten, ihm den Namen „The Rocket“ einbrachte (den er ursprünglich wegen seines raketenhaften Aufstiegs in den Neunzigern in die Weltspitze erhielt): eine Art kontrolliertes Berserkertum, hohes Tempo, jeder Ball passt, jeder Anschluss im Spiel auch, der Blick aufs Tischgeschehen ist souverän, alle Bewegungen sind flüssig.

„The Rocket“ im Tunnelmodus

O'Sullivan im Tunnelmodus. Die Welt schrumpft auf 3 Meter 55 mal 1 Meter 77 zusammen – die Abmessungen des Tisches, die minimal variieren dürfen. Jeder Winkel stimmt, jeder Effet auch, perfekt eingesetzte Kraft, Rot-Farbe-Rot-Farbe-Rot-Farbe. „Es sieht so aus, als sei er nie weg gewesen“, kommentierte die in der Snooker-Berichterstattung mehr als nur versierte BBC das Auftaktspiel.

„The Rocket“ im Tunnelmodus – das ist es, was seine Gegner am meisten fürchten. Dann passiert, was auch hüftsteife Abwehrspieler im Profifußball oft erleben, alles ganz von selbst und man kann nichts dagegen tun. Im Snooker kommt das am besten bei einem sogenannten Maximum Break zum Ausdruck.

Das bedeutet, ein Spieler räumt den Tisch nicht nur in einer einzigen Aufnahme ab, sondern er erzielt die maximale Punktzahl: 147. Das geht nur, wenn nach jeder versenkten roten Kugel anschließend die Schwarze gelocht wird und im Endspiel auch noch alle Farben der Reihe nach in die Taschen fallen. Der Weltrekord für ein Maximum Break liegt bei 5 Minuten und 20 Sekunden, gehalten wird er von Ronnie O'Sullivan.

Der andere O'Sullivan

Viele Weltklassespieler haben Maximum Breaks gespielt, aber außer Stephen Hendry hat niemand so viele geschafft wie O'Sullivan. In den Tunnelmodus verfallen auch andere, doch keiner strahlt jene dynamische Perfektion aus, die O'Sullivan dann zu eigen ist und die ihn zu Höchstleistungen antreibt, die zeigen, dass Snooker zwar noch etwas mit Billard zu tun hat, sich aber auch unendlich weit emanzipiert hat.

Es gibt einen anderen O'Sullivan, einen der in der ersten Runde eines Turniers scheitert, dem nichts glückt, der resigniert oder zutiefst depressiv und gesenkten Hauptes zwischen zwei Spielrunden in den Pausenraum verschwindet. Seine Familiengeschichte ist düster, Vater und Mutter haben reichlich Knasterfahrung, es gab Handgreiflichkeiten mit der Presse, Alkoholprobleme, eine positive Dopingprobe (Cannabis) samt Disqualifikation, eine stationäre Suchtbehandlung.

Der Rechtshänder spielte des Öfteren mit links, ein Gegner erkannte darin mangelnden Respekt und verweigerte den Handschlag. O'Sullivan hingegen betonte, nur mit links gespielt zu haben, um sich selbst zu mehr Konzentration zu zwingen.

Neue Snooker-Generation

Die Ära der Skandale ist lange vorbei, geblieben ist das unstete Spiel O'Sullivans. Auf Turniersiege folgen unterirdische Auftritte und umgekehrt. Nicht nur in der Konstanz, auch was Nervenstärke, Geduld und Fitness angeht, scheint der 38-Jährige der derzeit die Weltrangliste dominierenden Generation jüngerer Snookerspieler – allen voran Mark Selby (29), der auch in Sheffield als Titelfavorit gilt – hoffnungslos unterlegen.

Selby galt über Jahre als Antipode O'Sullivans, kaum jemand ließ sich vor schwierigen Stößen so viel Zeit wie er, vermied Risiken, spielte auf Sicherheit. „Ich weiß nicht, ob Mark Talent hat“, sagte O'Sullivan im Jahr 2010 über Selby, „sein Spiel ist negativ und langweilig. Der versucht keinen Ball, außer er fällt sicher.“ Doch Selbys Spiel hat sich seither verändert. Zur passiven Spielweise sind aggressive Phasen hinzugekommen. Sein Auftaktspiel im Crucible Theater gewann er gegen Matthew Selt mit 10:4.

Selby gibt nie auf, egal wie hoch der Rückstand ist. Das musste auch O'Sullivan schmerzhaft erfahren, als beide Spieler im Januar 2010 im „Masters“-Finale in London aufeinandertrafen. „The Rocket“ spielte eines seiner besten Turniere und führte im Finale mehrfach: mit 4:1, 5:3 und schließlich 9:6. Doch Selby resignierte nicht, auch dann nicht, als O'Sullivan beim Stand von 9:8 nur noch fünf Bälle vom Sieg entfernt war und eine einfach zu spielende Grüne verschoss. Selby gewann dieses „epische Finale“ (BBC) mit 10:9 und die Stimmen häuften sich, die meinten, die Zeit von „The Rocket“ sei nun endgültig vorbei.

Volles Risiko auch im Finale

Weit gefehlt. Bei der Weltmeisterschaft 2012 war O'Sullivan wieder da. Im Achtelfinale besiegte er den Waliser Mark Williams deutlich, im Viertelfinale den Australier Neil Robertson knapp – beide galten vor dem Spiel als Favoriten. Im Finale traf er auf Ali Carter, gewann mit 18:11 und wurde zum vierten Mal Weltmeister.

Es gibt eine Szene aus diesem Finale, die das unbedingte Offensivspiel O'Sullivans verdeutlicht. Es steht nach Frames 3:3, O'Sullivan führt im siebten Frame mit 38:0, es sind noch sechs rote sowie alle farbigen Kugeln auf dem Tisch. Doch die Roten liegen alle nahe der Bande. Nur mit großer Mühe ließen sich eine oder zwei von ihnen spielen.

Neun von zehn Spielern wählten in diesem Fall eine Safety, eine sichere Ablage, die den Gegner zu Fehlern zwingen soll. Doch O'Sullivan greift an und spielt mit unfassbarer Präzision Kugel um Kugel, eine schwieriger als die andere. Zweimal ist Glück im Spiel, doch alles andere ist exakt so gewollt. Könnte die Physik sich verbeugen, sie hätte es an jenem Tag getan – tief und lang. So riskant hat vorher und seither niemand mehr im Finale einer Weltmeisterschaft gespielt.

Ab Samstag nachmittag steht O'Sullivan im Crucible Theatre in Sheffield erneut im Achtelfinale. Der Gegner heißt wieder Ali Carter.

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