Blick in den großen Sendesaal, die Chrosänger mit Abstand in den Reihen, in der Mitte der Dirigent

Der Berliner Rundfunkchor probt mit Chefdirigent Gijs Leenaars im großen Sendesaal Foto: Piero Chiussi

Singen in Coronapandemie:Chöre kriegen die Krise

In der Coronapandemie steht Singen unter Verdacht der gefährlichen Aerosol- und Tröpfchenbildung. Kann man dagegen ansingen?

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17.11.2020, 13:48  Uhr

Zart und leise heben die Männer- und Frauenstimmen im Tutti an, es ist ein melodisches Wogen zwischen piano und pianissimo, über das sich bald die klare Tenorstimme von Joo-hoon Shin legt. Der Solist des Berliner Rundfunkchors steht im weißen Pulli am linken Bühnenrand des Großen Sendesaals des Senders Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB). Neben dem Sänger auf der Bühne spielt kein Orchester. Stattdessen sitzen dort seine Mitsänger, Tenöre und Bässe, jeder mit gebührendem Abstand auf einem Stuhl. Unten im Zuschauerraum stehen oder sitzen die Sängerinnen – Alt- und Sopranstimmen auf oder zwischen den Stuhlreihen. In ihrer Mitte ein improvisiertes Regiepult auf einer Holzplatte, die quer über den Sitzreihen liegt, wo Chefdirigent Gijs Leenaars vor einem E-Piano sitzt.

Der Rundfunkchor Berlin probt fürs Weihnachtskonzert: Sergei Rachmaninoffs „Allnächtliche Wache“ aus dem Jahr 1915, ein liturgisches Stück in altslawischer Sprache. Anspruchsvoll. Im ersten Rang sitzt Maria Dribinsky, die russische Sprachtrainerin, die hier und da die Aussprache korrigiert. Das g – der Konsonant – sei beim Alt im Rachen zu hoch angesetzt. „Wisst ihr, was ihr singt?“, fragt Gijs Leenaars den Tenor. „Die Tränen und die Myrte muss man sehen“, er singt die Tränen weich vor, „danach kann wieder konkrete Erzählung kommen.“ Der Chor singt die Passage aus der Nummer 9 nochmals. „Wie war’s?“ fragt der Dirigent die Sprachtrainerin. – „Genial.“

Die Nummer 5 und später die Nummer 9 aus der „Wache“ werden einmal durchgesungen, dann in Passagen und Einzelstimmen auseinandergenommen, wieder zusammengesetzt. Nach 30 Minuten Probe ist Pause, es wird gelüftet, die Wege, wer wo wie (nämlich allein) sein Pausenbrot verzehren oder die Toilette benutzen kann, sind auf Boden oder Türen markiert. Ein Einbahnstraßensystem. Links vom Sendesaal geht es herein, rechts heraus.

Kaum zu glauben, dass in diesen Zeiten überhaupt eine Tutti-Probe mit 63 Sänger*innen möglich ist. Der über 1.200 Quadratmeter große Sendesaal des RBB mit einer Deckenhöhe von elf Metern macht es möglich, so viele Menschen mit zwei Metern Abstand und versetzt zu platzieren. Doch für Publikum oder Orchester wäre kein Raum mehr. Den Rachmaninoff, ohnehin geplant, haben sie als A-cappella-Stück deswegen vorgezogen.

Premiere im Dezember – oder auch nicht

Das Konzert soll, man will optimistisch bleiben, vor Publikum im Dezember im Berliner Dom stattfinden. Es ist dies der Ort, dessen Chor den ersten Chor-Corona-Skandal ausgelöst hatte. 60 von 80 Mitgliedern hatten sich bei einer Probe der Domkantorei mit Covid-19 infiziert. Das war Anfang März und zu einer Zeit, als es noch keine Hygienekonzepte, Abstandsregeln und Lüftungsempfehlungen gab. Doch vielleicht war das Land Berlin deswegen besonders streng. Mehrere Monate galt allgemeines Probenverbot, länger als in jedem Bundesland. „Die Maßnahmen für Chöre sind wesentlich strenger als für Orchester“, sagt Gijs Leenaars, 42, gebürtiger Niederländer, der seit 2015 den Rundfunkchor leitet.

Zwei Tage nach der Rachmaninoff-Probe ist der zweite Shutdown beschlossene Sache. Anders als Amateur- und Kirchenchöre dürfen die Profis unter Einhaltung der Hygieneauflagen des Berliner Senats dieses Mal weiter proben – bloß auftreten dürfen sie nicht. „Ob es hilft, Theater und Konzertsäle zu schließen, wage ich zu bezweifeln“, sagt Gijs Leenaars ein paar Tage später in seinem Büro im Haus des Rundfunks. „Wirklich beurteilen kann ich das natürlich nicht, aber ich verstehe, dass die Politik ein Zeichen setzen will.“ Der Chor passt sich den Gegebenheiten an. Im September kam „The World to Come“ als Konzertparcours – eine Auseinandersetzung mit Beethovens „Missa solemnis“ – in einer Lagerhalle zur Uraufführung.

Sabine Eyer, Altistin des Berliner Rundfunkchors

„Lieber mit Schwierigkeit proben, als seinen Beruf nicht ausüben zu können“

„Die szenische Erfahrung, in unterschiedlicher Aufstellung im Raum zu singen, hilft uns jetzt“, sagt die Altistin Sabine Eyer in einer Rachmaninoff-Pause im Chorbüro. Seit 2011 singt sie fest im Rundfunkchor. „Die großen Abstände zwischen uns Sängern und Sängerinnen sind ein großes Problem. Aber man lernt damit umzugehen.“

Im März, als der erste Shutdown kam, war Eyer, schwarze lange Haare, weinrotes Kleid, im Chorvorstand. Die 63 Festangestellten wurden in Kurzarbeit geschickt. „Ich fühlte mich wie vor die Wand gefahren“, sagt die 41-Jährige. „Aber das Schlimmste war, dass wir nicht wussten, wie es weitergeht.“ Als der Chor Ende Mai seine Probenarbeit wieder aufnehmen durfte, bedeutete dies anfangs, Abstände von drei Metern nach allen Seiten, nach vorne sogar sechs. Wie soll man sich da gegenseitig hören? „Lieber mit dieser Schwierigkeit proben, als seinen Beruf nicht ausüben zu können“, sagt Eyer klar. Mit der Infektionsschutzverordnung für Berlin von Ende Juni musste der Probenbetrieb erneut eingestellt werden. Erst im August kam die Lockerung. Ein Hin und Her.

Portrait von Sabine Eyer

Für die Altistin Sabine Eyer sind die großen Abstände ein Problem Foto: Piero Chiussi

Hat der Rundfunkchor digital geprobt? – „Nein“, sagt Eyer. Zu viel Zeitverzögerung, so entsteht kein gemeinsamer Klang. Masken oder Plexiglasscheiben? – „Masken können das Abstandhalten nicht ersetzen“, sagt Leenaars, so viel weiß man inzwischen über die Aerosolbildung. Und die Plexiglaswände schluckten Klang und reichten ohnehin nicht bis an die Decke, wo dann oben die Aerosole schwebten. Leenaars, ein schlaksiger Typ mit Brille und Jeans, hält nicht viel von Zoom-Proben: „Gut, dass es die gibt, aber für mich hat es wenig zu tun mit echtem Austausch.“

Dirigieren, ohne die Sänger sehen zu können

Während der Probe sitzt der Dirigent auf seiner Plattform inmitten seiner Sänger*innen. „Ich muss mich ständig drehen,“ sagt Gijs Leenaars, „und manche habe ich dann im Rücken und kann sie nicht sehen.“ Und sie ihn nicht. „Den Chorklang zusammenzubekommen, ist bei diesen Abständen superschwierig“, erklärt Leenaars. „Der Klang braucht Zeit, um vom einen zum anderen Ende des Raums zu gelangen.“ Seine Sänger*innen sind darauf trainiert, zu hören und sich einzustimmen. „Jetzt müssen sie reagieren auf das, was sie sehen, was ich zeige, und nicht auf das, was sie hören.“

Der Berliner Charité Chor hat weniger Probleme mit digitalen Proben. Was bleibt ihm auch anderes übrig, da die Politik gemeinsames Singen im geschlossenen Raum – außer für Profis oder von Gläubigen im Gottesdienst – ab dem 2. November untersagt hat? Kirchenchöre haben strikt zu schweigen, Gospelchöre, Popchöre, Polizeichöre, Kammerchöre – an die 2.500 Amateurchöre soll es allein in Berlin geben, rund 300 von ihnen sind im Chorverband Berlin organisiert.

Amateurchöre: Singen ist ein Massenphänomen: Nach Angaben des Deutschen Musikinforma­tionszentrums sind in Deutschland mindestens 55.670 Laienchöre aktiv. Hinzu kommen viele nicht angebundene Projektchöre, Ensembles der freien Szene, Schulchöre usw. Etwa die Hälfte der Laienchöre sind Kirchenchöre.

Profichöre: In Deutschland gibt es über 80 Opernchöre, die oft zu den städtischen Bühnen gehören, sowie 7 Rundfunkchöre.

Chorbewegung: Die 1792 gegründete Singakademie war der erste gemischte Chor. Es war eine Bewegung des Bürgertums und der Aufklärung, auch außerhalb des Einflussbereichs der Kirche.

Singbewegung: Anfang des 20. Jahrhunderts erlebten Volkslied und Vokalmusik eine Renaissance. In dieser Zeit entstanden in den Kirchen Kantoreien, die bis heute das Chorleben prägen.

Boom des Singens: Seit einigen Jahren ist das große Chorsterben gestoppt. Es gibt Kneipenchöre, Popchöre, queere Chöre. Und nicht zuletzt: Seit Corona sind Balkonsingen und Hofkonzerte beliebt. (taz)

Am Mittwochabend nach dem neuen Shutdown ist ein Probenbesuch beim Charité Chor Berlin nur noch virtuell möglich. Es ist 19.15 Uhr; bis sich die 22 Teilnehmenden des Abends zugeschaltet haben, ist Small Talk angesagt. „Was hast du heute gemacht?“ – „Was habt ihr in der Tasse?“ – „Was spielen wir nachher?“ Ein privates Gespräch ist so nicht möglich, aber ein digitaler Stammtisch, wie ihn der Charité Chor, der etwa zur Hälfte aus Studierenden des Fachs Medizin besteht, im Anschluss an die Probe plant.

Chorleiter Adrian Emans, 32, beginnt das Einsingen mit Wippen, Hüpfen, Springen zur Lockerung, erst dann spielt er einen Ton am Klavier an, um „Fallalallala“ zu singen, „mit weitem a, „passt auf, dass der Vokal nicht nach vorne fällt“. Er bittet alle, einen Akkord anzustimmen, danach schaltet er die Gruppe stumm, „gemeinsam über Zoom singen geht einfach nicht“. Nun hört jeder nur noch die eigene Stimme.

Für die Probe hat Emans, dunkle Haare, dunkler Bart, die Motette op. 69 von Mendelssohn rausgesucht: „Ein neues Stück anzulegen geht digital relativ gut“, hat er am Morgen erklärt. Sie hören gemeinsam eine Aufnahme des Stücks, dann geht der Chor in eine „Stillarbeitsphase“, während der Chorleiter einen Breakout-Room eröffnet, eine Art digitales Sprechzimmer, in dem ihm einzelne Sänger Fragen stellen können.

Emans lebt seit 2009 in Berlin und ist, wie es jetzt immer heißt, soloselbständig (als wäre jemand, der selbständig arbeitet, nicht ohnehin auf sich allein gestellt). Etwa 50 Konzerte, die er hätte dirigieren sollen, sind seit dem Frühjahr ausgefallen, plus acht Wettbewerbsauftritte, rechnet er nach. Drei Chöre leitet Emans – neben dem Charité Chor noch den Neuen Kammerchor Berlin und den Neuen Männerchor Berlin, alle drei von ihm gegründet. Überbrückungshilfe hat er im Frühjahr nicht beantragt, weil sein Honorar von zwei Chören weiterlief – er fand, andere sind ärmer dran. Im September hat er beim Berliner Senat ein projektgebundenes Künstlerstipendium beantragt und auch zugesagt bekommen.

Adrian Emans, Leiter des Charité Chors in Berlin

„Seit März bin ich damit beschäftigt, zu retten, zu retten, zu retten“

Für den Chorverband Berlin hat Emans das Hygienekonzept und Tutorials fürs digitale Proben mit erarbeitet, Videos gedreht, Räume und technisches Equipment organisiert. „Meine Batterie ist alle“, sagt er im Gespräch, das coronakonform in seinem Moabiter Hinterhof stattfindet. „Seit März bin ich damit beschäftigt, zu retten, zu retten, zu retten.“ Emans klingt entnervt. „Die Arbeit von jungen etablierten Ensembles hat sich total geändert. Es geht viel mehr ums Soziale, darum, die Gruppe zusammenzuhalten. Und musikalisch lebt man mit Kompromissen.“

Um die 100 Locations haben er und seine Chöre im Sommer angefragt – da die üblichen Probenräume unter den geltenden Hygienebedingungen viel zu klein waren. Im Sommer hat er dann zwei oder drei Mal die Woche unter einem Brückenbogen an der Spree gestanden und bei den Proben Bekanntschaft mit Wind, Wetter und Obdachlosen geschlossen, die mal erfreut und mal genervt gewesen seien. Als es zunehmend früher dunkel und kälter wurde, musste ein Ausweichquartier her: Emans bekam einen Tipp, seither probte der Charité Chor in einer Friedhofskapelle im Stadtteil Wedding. Bis zum 2. November, dann war auch das nicht mehr möglich.

Portrait von Adrian Emans

Fünfzig Konzerte sind in diesem Jahr für Adrian Emans vom Berliner Charité Chor schon ausgefallen Foto: Simon Hertling

Das Raumproblem kennen viele Amateurchöre: Sie verfügen weder über eine Infrastruktur noch über Geld, die ihnen Ausweichmöglichkeiten ermöglichen würden. Der Chorverband Berlin hatte deswegen im Sommer eine Kampagne initiiert unter dem Motto: „Wir machen Ihnen den Hof“, wo Probenräume bei Unternehmen, Institutionen, im Freien gesucht wurden. Inzwischen gibt es in Kooperation mit dem Landesmusikrat eine Datenbank, geordnet nach Bezirken, zur Koordination von Probenräumen. „Chorsingen ist mehr als Hobby“, sagt Gerhard Schwab, Geschäftsführer des Chorverbandes Berlin, am Telefon. „Es ist Integration in die Gesellschaft.“

„Nicht Singen ist gefährlich, sondern das Virus.“

Schwab ist besorgt. Sein Verband versucht gegen das schlechte Image des Singens anzukämpfen: „Nicht Singen ist gefährlich“, sagt er, „sondern das Virus.“ Und setzt hinzu: „Solange man sich an die Hygieneregeln hält.“ Was alle Chöre äußerst penibel täten. „Herzlichen Dank dafür, es war nicht alles für die Katz.“ Schwab ist seit dem Frühjahr kein weiterer Fall von Ansteckung in einem Berliner Chor bekannt. Den aktuellen Lockdown hält er für richtig, erwartet aber von der Politik zeitnahe Perspektiven und eine größere Wertschätzung der Chorszene. „Es ist sehr bitter“, sagt auch Chorleiter Adrian Emans. „Für viele gilt Kultur als Luxusgut, für manche ist es ein Hobby. Aber für mich ist es mein Beruf. Meine Existenz hängt davon ab.“

Auch der Kulturbetrieb ist ein Wirtschaftszweig, und kein ganz kleiner. Kulturschaffende, Kulturbetreibende, Kulturschätzende fordern die baldige Wiedereröffnung von Theatern, Museen, Konzerthallen, Clubs.

Doch was ist mit Singen – und dann auch noch in Gemeinschaft? Wo andere Kulturbereiche auf Reduktion setzen können, bleibt ein Chor immer ein Chor: vielstimmig. In dem jede einzelne Stimme zählt und doch im Kollektiv aufgehen muss. „Man sollte Singen nicht stigmatisieren, sondern die konkreten Gefährdungspotenziale einschätzen“, sagt Professor Dirk Mürbe, Direktor der Klinik für Audiologie und Phoniatrie am Berliner Universitätsklinikum Charité, am Telefon. „Es gibt keinen Grund für ein Generalverbot. Wir brauchen ein vernünftiges Risikomanagement.“

Ähnlich wie die Virologen um Christian Drosten & Co gehört Mürbe zu einem Expertenkreis, der wissenschaftliche Daten zum Thema Aerosolbildung beim Sprechen und Singen beschafft, auswertet und Politik und Verbände berät. „Es gibt ein erhöhtes Risiko beim gemeinsamen Singen in geschlossenen Räumen“, sagt er, „aber es gibt auch Strategien, dieses Risiko zu minimieren. Letztlich haben die letzten Monate bewiesen, dass bei den Infektionszahlen im Sommer die Hygienekonzepte sehr gut funktioniert haben.“

Dass es bei der jetzigen Infektionslage und dem exponentiellen Anstieg von Erkrankungen zu Einschränkungen gekommen ist, steht für ihn nicht in Frage. „Ich schaue schon wieder weiter“, sagt er. „Corona wird noch einige Zeit dauern, deswegen müssen wir langfristige Konzepte entwickeln. Es geht immer um eine Balance zwischen Infektionsschutz und gesellschaftlicher Teilhabe.“

Die Wissenschaft im musikalischen Einsatz

Teilhaben sollen vor allem auch die Kleinsten. Kinderchöre haben nur ein begrenztes Zeitfenster, außerdem sei Singen wichtig für die sozio­emotionale Entwicklung, sagt Mürbe. Im September haben er und Kolleg*innen eine Untersuchung zu Kinderchören vorgestellt, die zu dem Ergebnis kam, dass Stimmen von Kindern beim Singen weniger Aerosole produzieren als die von Erwachsenen. „Das liegt wahrscheinlich auch daran, dass sich die Stimmlippenschwingung bei Kindern in einigen Punkten von Erwachsenen unterscheidet, was ja auch am typischen Klang- und Stimmregister zu hören ist“, erklärt er. Wer laut spreche, weil in der Kneipe Musik laufe, versprühe vermutlich mehr Aerosole als leise Knabenstimmen. Der ­Ischgl-Effekt. Die Lautstärke ist eins der wesentlichen Charakteristika, die zur stärkeren Aeresolbildung beitragen.

Aerosole, flüssige Partikel, mit dem bloßen Auge nicht erkennbar, schweben in der Luft, verweilen dort länger und übertragen Viren über die Atemwege; Tröpfchen dagegen wirken über die Schleimhäute und sinken schneller zu Boden. Wie misst man etwas, das man nicht sehen kann? Die Klinik für Audiologie und Phoniatrie an der Charité hat darum mit dem Hermann-Rietschel-Institut der TU kooperiert. Dieses Institut unter Leitung von Professor Martin Kriegel verfüge über eine „exzellente ingenieurswissenschaftliche Expertise und einen Reinraum“, erklärt Mürbe, „in dem man ohne Verschmutzung auch die beim Sprechen und Singen gebildeten Aerosole per Laserpartikelzähler bestimmen kann“. Anhand dieser Messwerte und der Verteilung der Partikel im Raum können dann beispielhafte Risikobewertungen für verschiedene Alltagssituationen erfolgen.

Für Mürbe, der neben seinem Medizin- auch ein Gesangsstudium absolviert hat, lassen sich hier die „Hauptstellschrauben“ benennen, um Singen in Schulen, Chorproben und Konzerte wieder möglich zu machen: Wie viele Personen singen in einem Raum? Wie lange singen oder proben sie? Wie groß ist der Raum? Wie sind die Lüftungsmöglichkeiten? „Maschinelle Systeme sind sehr im Vorteil“, sagt er.

Der Rundfunkchor verfügt im Großen Sendesaal des RBB über eine gute Klimaanlage, die für Frischluftaustausch sorgt. Lüftungspausen sind trotzdem eingeplant. Das alles verkürzt die Probenzeit. Tourneen mussten abgesagt werden, die nächsten Konzerte sind fraglich. „Dennoch ist die Situation“, sagt Chefdirigent Leenaars, „nicht nur schlecht. Es hat sich auch schon einiges entwickelt, was es sonst nicht gegeben hätte.“ Was die Frage der Systemrelevanz von Kultur angeht, übt er sich in Bescheidenheit: „Es ist ein Luxus, in einer Gesellschaft zu leben, in der man sich so intensiv mit Musik beschäftigen kann. Aber sie ist insofern relevant, als es in einer gesunden demokratischen Gesellschaft klassische Musik auf so hohem Niveau geben sollte.“

Rachmaninoff ruft. Der Chor wartet. Auf seinen Dirigenten, auf die Entscheidung der Politik, wieder konzertieren zu dürfen. Eine CD ist in Arbeit.

Dirk Mürbe singt derzeit nicht im Chor. Das habe nichts mit Corona zu tun, sondern mit seinem Arbeitspensum.

Adrian Emans hat ein Video geschnitten und online gestellt, das den Neuen Kammerchor Berlin vorstellt. Er stellt sich auf einen kalten Winter ein, wenn sie wieder in der Friedhofskapelle proben dürfen. Auf ein Inserat des Charité Chors für frische Tenöre, Soprane und Bass 2 haben sich hundert Interessierte beworben. Die Lust auf Singen ist ungebrochen.

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