: Sind wir zerstritten oder nicht?
■ Die Tradition der unterschiedlichen Demos zum Christopher Street Day wird fortgesetzt / Die einen reden von Ignoranz, die anderen sehen keine Probleme
Was wäre der Berliner Christopher Street Day, wenn nicht mindestens drei unterschiedliche Demos organisiert würden? Soll man nun am 1. Juli auf dem Ku'damm „Farbe bekennen“ oder lieber am selben Tag in Neukölln die Frage stellen: „Willst du mit mir geh'n?“ oder schon heute am Oranienplatz zur „lautesten und schönsten Lesbendemo aller Zeiten“ aufbrechen? Alles deutet jedenfalls darauf hin, daß sich die OrganisatorInnen mal wieder nicht einigen konnten.
Doch anders als in den letzten Jahren gibt es keine bösartigen Beschimpfungen und wüsten Anfeindungen der unterschiedlichen Fraktionen. Sollte also in der Szene doch noch die Erkenntnis eingezogen sein, daß die Streiterei wenig produktiv war und an den Interessen der Basis vorbeiging? Jürgen Bieniek, Pressekoordinator des „CSD Berlin-Brandenburg“, der am nächsten Samstag die Ku‘damm-Demo und das Fest in der Kulturbrauerei veranstaltet, bemüht sich sehr, diesen Anschein zu erwecken. „Die Demos von den Lesben und den Neuköllnern sehen wir überhaupt nicht als Konkurrenzveranstaltungen an. Schließlich finden die Demos ja auch an zwei verschiedenen Tagen statt“, betont er. Trotzdem findet sich in der Zeitung des Bündnisses aus Sonntagsclub, Mann-O-Meter und Schwulenverband (SVD) kein Hinweis auf die Demos, die keine Konkurrenz darstellen. Vielleicht fürchtet man doch ein wenig um den Verlust von wichtigen Eintrittsgeldern. Schließlich endeten die gleichzeitig durchgezogenen Partys vor zwei Jahren mit dem Konkurs eines Veranstalters.
Bei den Resten des eher autonom dominierten „Aktionsbündnis Internationaler CSD“, die im letzten Jahr eine eigene Demo initiiert hatten, sieht man die Sache denn auch etwas anders. Von „politischer Verwässerung“, „irrer Ignoranz“ und „einer reinen PR- Kampagne“ ist dort die Rede, wenn es um die Ku'damm-Demo geht. „Unsere Kritik hat überhaupt nichts bewirkt. Wir werden uns nicht vor deren Karren spannen lassen. Das Geld sollten wir für die beim Fest ranschaffen, aber inhaltliche Mitspracherechte sollten wir nicht bekommen“, so eine Aktivistin. Der Vorwurf, dem „CSD Berlin-Brandenburg“ ginge es nur darum, bei dem Fest möglichst viel Geld einzunehmen, ist für Jürgen Bieniek unbegründet. „Die Preise für unser Fest liegen weit unter denen im Tempodrom. Unser Gewinn kommt ausschließlich den beteiligten Projekten zugute“, weist Bienek den Profitvorwurf zurück: „Auch von politischer Verwässerung kann keine Rede sein. Es wird sehr viele Projekte geben, die politische Inhalte in die Demo hineinbringen.“
Das Aktionsbündnis bleibt trotz aller Beteuerungen der Gegenseite bei der Devise des letzten Jahres. Zwar wird keine eigene Demo organisiert; aber alles, was fernab vom Ku'damm läuft, wird unterstützt. Außerdem werden zwei separate Feste im Tempodrom und der Kulturbrauerei organisiert.
Also Lesben- und Neuköllner Demo gegen Ku'damm? So ganz geht diese Rechnung auch nicht auf. Die Organisatorinnen der Lesbendemo sprechen zwar von einer „klaren inhaltlichen Abgrenzung zur Ku'damm-Demo“ und der Nähe zum Aktionsbündnis. Die Neuköllner OrganisatorInnen aus dem SchwuZ-Umfeld wollen sich allerdings von niemandem vereinnahmen lassen. Sie führen die Tradition des letzten Jahres fort: ein bißchen bunt, ein bißchen revolutionär und vor allem bloß nichts mit den nervigen Streitereien einzelner Fraktionen zu tun haben.
Polarisierung oder nicht, eins ist zumindest klar. An der Basis laufen die Auseinandersetzungen wieder einmal vorbei. „Die Lesbendemo finde ich vor allem wichtig, weil wir einmal ganz ohne Männer auf die Straße gehen wollen. Am Ku'damm mischen sich ja immer wieder Heteros dazwischen. Trotzdem werden viele von uns auch bei der Ku'damm-Demo dabeisein“, meint eine der Teilnehmerinnen. Gesa Schulz
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