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Simone Schmollack übrigensMieten, die Boomer und ihre Kinder

Foto: Barbara Dietl

Fluch oder Segen, das ist hier die Frage. Es geht um alles oder nichts, also in Zeiten wie diesen ganz klar um den Ort, an dem die Rechnungen ankommen. Glücklich, wer eine eigene Bleibe hat. Wer keine hat, wird lange keine haben, um mal Rilke frei und wild umzudichten. Die Im­mo­bi­lien­preise und Mieten sind bekanntlich so hoch, dass junge Menschen kein bezahlbares WG-Zimmer, geschweige denn eine eigene Wohnung finden. Was bleibt ihnen also anderes übrig, als weiter im Kinderzimmer bei Mutti und Vati zu hocken. Manche ziehen erst aus, wenn sie weit über 30 sind. Oder anders formuliert: Hotel Mama rules, nicht nur in Italien, dem Land des vivere con i ­genitori, sondern in ganz Europa.

Nun ist das mit dem Fluch und Segen so eine Sache, jedenfalls im Falle der elterlichen Notunterkünfte. Meine privaten empirischen Studien widerlegen nicht nur jene überlieferten ­Boomerelternwünsche, wonach die Brut doch endlich ausziehen möge. Sondern ebenso den Fluchtimpuls ihrer Töchter und Söhne. Die haben nämlich längst geschnallt, dass so eine Vollpension zum Nulltarif, inklusive Wäscheservice, Reinigungsdienst, Kantine, praktisch und preisgünstig ist. Eine klassische Win-win-­Situation. Denn mal Hand aufs Herz, liebe Boomereltern, allein der Gedanke daran, dass es nachts nicht mehr poltert, wenn „das Kind“ aus dem Club kommt und sich noch mal rasch Nudeln kochen muss, macht euch doch rasend, oder? Die Küche sieht am Morgen zwar aus wie Sau, klar, da flucht ihr. Aber noch mehr flucht ihr, wenn niemand mehr seine Dreckjeans vor die Waschmaschine knallt. Ziehen die Kinder aus, knallt nämlich nur eine große Leere in euer Elternleben, eine, die härter ist als eure bislang mieseste Trennung. Da nehmt ihr doch lieber in Kauf, dass das Zimmer des Sohnes selbst dann noch nach Puma stinkt, wenn seine Freundin dort übernachtet. Ihr nehmt in Kauf, dass die Tochter mit euch auf Amerikareise geht, obwohl ihr endlich mal einen Paarurlaub machen wolltet. Sie lässt sich, was sonst, alles von euch bezahlen. Obwohl sie selbst schon Geld verdient. Zwar nicht so viel, dass sie sich eine eigene Wohnung leisten könnte, aber so viel, dass es für das WG-Zimmer bei euch reicht. Aber ihr seid großzügig und sagt: Ach, lass mal, ist doch schön, dass wir noch zusammen sind.

Simone Schmollack

leitet das Meinungs­ressort der taz – und weiß als Mutter, wovon sie spricht.

Eben alles oder nichts, das ist hier die Frage.

Die Vollpension zum Nulltarif, inklusive Wäscheservice, Reinigungsdienst, Kantine, ist praktisch und preisgünstig

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