piwik no script img

Simone Dede Ayivi Was wir gewinnen, wenn der Humor zurückkommt

Empowerter Humor hat sich vom White gaze befreit Foto: Peathegee/plainpicture

Schlechte Zeiten sind gute Zeiten für Galgenhumor. Trotzdem ist niemandem so richtig zum Lachen. Alle sind gerade sehr empfindlich. Das ist nachvollziehbar. Aber auch sehr traurig – denn seit fast 20 Jahren hat eine Sache viel Spaß gemacht und so viel über die Entwicklung der Gesellschaft und das neue Selbstvertrauen in marginalisierten Communitys erzählt: ihr Humor.

In der Mainstream-Comedy wurden endlich Frauen erfolgreich, die beobachtenden und gesellschaftskritischen Humor präsentierten – statt Witze über sich und ihre Körper. Schwarzer Humor hat sich auf besondere Weise verändert: 2008 erschien „Deutschland schwarz-weiß“ von Noa Sow. Die Popularität des Buchs hat klassische Pointen und Running Gags aus der aktivistischen Schwarzen Community, die bei Spoken Word- und Poetry-Abenden enstanden, einem breiteren Publikum bekannt gemacht.

Lustig gemacht wurde sich damals hauptsächlich über die weiße Mehrheitsgesellschaft. Über Colonizer, die um die Welt gesegelt sind, um an Gewürze zu kommen und immer noch nicht in der Lage sind, ihrem Essen etwas anderes hinzuzufügen als Salz, Pfeffer und eine Prise Paprika. Über weiße Leute, die nicht tanzen können oder die einfachsten Namen nicht aussprechen, wenn es sich dabei nicht um Mayer, Meyer oder Mayr handelt.

Dieser Perspektivwechsel war empowernd. Aber der Humor war noch nicht empowert. Er wurde erst im Laufe der Jahre politischer und bissiger. So wurde eindeutig bewiesen, dass man wunderbare Witze über Rassismus machen kann, ohne rassistische Witze zu machen. Und spätestens 2020 mit Black Lives Matter auch als ein Tool, um strukturellen Rassismus und rassistische Polizeigewalt zu verarbeiten.

So entstand auch etwas, das ich hier „empowerten Humor“ nenne: weil sich der Humor nicht nur von der weißen Mehrheitsgesellschaft als Thema, sondern auch vom white gaze befreit hatte. Das Selbstvertrauen Schwarzer Menschen und anderer PoC in Deutschland war so groß, dass man Witze über sich selbst machen konnte. Beobachtende Comedy über Phänomene und Stereotype innerhalb der Communitys. Mit einem Blick, den nur Insider haben können und manchmal auch nur Insider verstehen.

Auf die Kacke hauen

Foto: Peathegee/plainpicture

Der nächste Schritt – hier freue ich mich besonders – ist ein „Crossover-Humor“ Marginalisierter. Diese besondere Witzigkeit, die entsteht, wenn queere Comedy auf den Humor behinderter Menschen trifft und sich mit dem Witz von PoC verbindet. Ich hoffe sehr, wir können Raum dafür schaffen. Denn mit dem rechten Kulturkampf und der Bedrohung durch Rechtsextremisten verschwinden die Voraussetzungen dafür. Theater, Fernsehsender und Zeitungen geben den Stimmen von Minderheiten immer weniger Raum.

Der Hass auf Social Media ist so groß, dass viele sich zurückziehen. Vor allem aber wird das Selbstbewusstsein kleiner. Es wird immer schwerer, über sich selbst zu lachen, wenn genau dieses Selbst bedroht ist. Und es ist härter, einen Witz zu machen, wenn man weiß, dass den Menschen um einen herum nur noch zum Heulen zumute ist.

Foto: Kornelia Kugler

Auch diese Kolumne ist inzwischen sanfter und erklärender geworden. Denn auch ich möchte, dass man mit mir sanfter umgeht. Gleichzeitig hätte ich aber auch viel mehr Lust, hier auf die Kacke zu hauen. Denn ich kann mit so vielem, das gerade passiert, besser umgehen durch einen derben Spruch oder zynischen Witz.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen