Simone Dede Ayivi Diskurspogo: Wie wir Sport machen, ist politisch
DieGrünen kommen bei jungen Männern nicht so gut an. Deswegen wollen sie die Jungs da abholen, wo man sie vermeintlich findet: beim Pumpen.
Daran ist vieles weird, aber hey! Wir alle versuchen gerade so einiges, um den Faschismus aufzuhalten. Ich shame da niemanden. Männer und die Grünen haben es schwer genug. Lasst uns also haten, wem Hate gebührt: die Fitnessindustrie.
Ich habe schon immer viel Sport gemacht. Irgendwann fing ich an, ins Fitnessstudio zu gehen. Ich erzählte meinem Großvater davon und er untersagte mir, deswegen den örtlichen Sportverein zu verlassen. „Aus Vereinen tritt man nicht aus, die wurden unter den Nazis verboten.“
Als ich sagte, dass ich im Studio „trainiere“, fragte er ernsthaft irritiert: „Wofür?“ Es stand ja kein Wettbewerb an. „Für mich“, antwortete ich kleinlaut.
Das Gemeinwohl im Blick
Sportvereine versuchen, Menschen zusammenzubringen. Sie haben das Gemeinwohl im Blick und geben der Region etwas zurück; veranstalten Turniere und Feste, während Fitnessstudios versuchen, dir zusätzlich Proteinshakes oder ein Handtuch-Abo zu verkaufen.
Wie wir Sport machen ist politisch. Geht es um Optimierung, Protzen und gestählte Körper? Oder um Teamgeist, Spaß und aktive Freizeitgestaltung? Irgendwann wurde mein Leben so voll, dass für Vereine kein Platz mehr war. Ich konnte mich nicht mehr nach festen Trainingszeiten und Hallenbelegungsplänen richten. Energie für das soziale Gefüge einer Mannschaft? Keine Chance! Thekenschicht beim Sportfest? Keine Zeit.
Ins Gym kann ich, wann ich will. Hier wird auch der Egoismus trainiert: Wer ins Studio geht, muss sich mit niemandem verabreden, außer mit sich selbst. Im Fitti lernst du niemanden kennen, ausgenommen die Person, die dir Drogen verkaufen will.
Es geht nicht um soziale Kontakte, sondern um Selbstoptimierung. Da wird nicht für ein gemeinschaftliches Ereignis trainiert, sondern dafür, besser auszusehen und besser zu funktionieren, um als wertvoll angesehen zu werden im Kapitalismus und ihm jederzeit zur Verfügung zu stehen:
Wer wegen Überstunden den dritten Mittwoch hintereinander das Volleyballtraining verpasst, denkt vielleicht darüber nach, wie viel Lebenszeit der Job frisst. Doch wer es mal wieder erst um neun ins Fitti geschafft hat statt um sieben, ärgert sich, dass er nicht disziplinierter seine Trainingszeiten einhält.
Die Fitnessindustrie macht Kohle mit den Unsicherheiten von Menschen. Wer Gym-Kultur übertreibt, wird zum Looksmaxxer. Wer Sportverein übertreibt, wird zum Schiedsrichter, Jugendtrainer oder schlimmstenfalls Kassenwart. Klar können Parteien nach Wählern in Muckibuden suchen, sie können aber auch das Ehrenamt stärken, für den Erhalt von Schwimmbädern und Sportanlagen sorgen und Lust auf Bewegung fördern, in der es weniger um Kraft und Körperkult geht.
Etwas zu lernen, das taktisch und technisch anspruchsvoll ist, sei es Fußball oder rhythmische Sportgymnastik, ist beeindruckend. Training zu Selbstoptimierungszwecken ist irgendwie unangenehm.
Damit der regelmäßige Gang in die Muckibude nicht allzu peinlich ist, fing man an, redundantes Gewichte stemmen als „diszipliniert“ zu bezeichnen. Dabei gibt es kaum etwas Undisziplinierteres, als mehrmals die Woche Me-Time zu nehmen, um sich mit nichts als dem eigenen Körper zu beschäftigen. Zeit, in der man für Familie oder Freund*innen da sein könnte, Nachbarn unterstützen, im Tierheim aushelfen, sich im Umwelt- oder Katastrophenschutz engagieren könnte – oder in einer Vereinsstruktur.
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