: Sie kann alles. Außer strahlen?
Grünen-Chefin Franziska Brantner ging ihre Aufgaben schon immer akribisch an. Im Amt ist sie weitergewachsen. Die Herzen erreicht sie aber nicht. Es sei denn, sie spricht persönlich vor
Von Tobias Schulze (Text) und Dan Petermann (Fotos)
Es ist nach Mitternacht, und Franziska Brantner könnte sich langsam auf den Weg ins Hotel machen. Morgen früh muss sie nach Stralsund fahren, wieder Stimmen sammeln, erster Programmpunkt: mit Freiwilligen die Ostsee putzen. Aber die Grünen-Chefin will noch nicht Feierabend machen. Sie lässt sich lieber vor einer Kneipe von einem Klassenkämpfer anschreien.
Der junge Mann vor ihr trägt seit Minuten seinen Frust vor: Er arbeite in diesem Dreckssystem und werde jeden beschissenen Tag gefickt. Sein rechter Scheißchef streiche das Geld ein, ihm und seinen Leuten bleibe nichts. Der Dreckswichser gehöre enteignet, aber die Grünen als bürgerliche Partei hätten dafür nicht die Eier, und daher seien sie Mittäter in diesem Scheißdreckssystem. „Und jetzt verpisst euch aus meinen Viertel!“
Brantner hakt noch mal nach. Sie wüsste gerne spezifischer, was ihn und seine Freund*innen stört, und sagt: „Ich halte das System für verbesserungswürdig, und ich kämpfe jeden Tag dafür.“ Der junge Mann will das System aber nicht verbessern, sondern abschaffen. Er macht sich noch ein bisschen größer und setzt von Neuem an.
Die Grünen-Politikerin wollte eigentlich im Pleitegeier Flyer verteilen, blieb aber an der Gruppe vor der Kneipe hängen: Rund ein Dutzend Männer und ein paar Frauen um die zwanzig, viele Basecaps und Trainingsjacken. Rote Jugend Rostock und ihr Umfeld, wie sich im Nachhinein herausstellt. Eine dieser neuen autoritären Gruppen, die mit Kampfsport werben, mit Hammer und Sichel posieren und mit martialischen Auftritten auf linken Demos stressen. Brantner hat erst versucht, sie vom Existenzrecht Israels zu überzeugen. Von da kamen sie aufs große Ganze. Seit zwanzig Minuten geht das so, und längst drängt sich die Frage auf: Warum macht sie das?
Es ist ein Freitagabend im September. Zwei Tage später wird in Mecklenburg-Vorpommern gewählt, und am Ende finden sich genügend Wähler*innen, die den Grünen wohlgesinnter sind. Die Partei zieht knapp wieder in den Landtag ein. Franziska Brantner wird wenige Tage später ankündigen, für eine zweite Amtszeit als Bundesvorsitzende zu kandidieren.
Der Parteitag im Dezember wird sie voraussichtlich für zwei weitere Jahre im Amt bestätigen. Sie wird wohl den nächsten Bundestagswahlkampf der Grünen prägen, der ihre Partei zurück an die Macht bringen und die AfD von ihr weghalten soll. Es ist nicht ganz ausgeschlossen, dass sie ihn sogar als Spitzenkandidatin anführt. So oder so wird es auf sie ankommen.
Sie stand schon mal schlechter da. Vor anderthalb Jahren war sie frisch im Amt und hatte schon eine Bundestagswahl verloren. Baerbock war weg, Habeck auf dem Absprung. Was aus den Grünen wird, war offen. Gemessen daran lief dieses Jahr ordentlich. Bei den meisten Wahlen schnitt die Partei okay oder besser ab, im Bund hat sie in Umfragen die SPD überholt. Intern hat das Misstrauen der Parteilinken nachgelassen: Brantner kommt zwar aus dem Realoflügel in Baden-Württemberg, drückt aber nicht immer dessen reine Lehre durch.
Ganz weg ist die Skepsis zwar nicht. Im Frühsommer machte die Grüne Jugend einen Streit öffentlich: Sie hegte den Verdacht, die Vorsitzende verhalte sich unaufrichtig. Vornherum gebe sie sich als Teamplayerin. Hintenrum fördere sie den Aufbau einer parallelen Nachwuchsorganisation auf ihrer Linie: die Jungen Realos, koordiniert von ihrem Büroleiter im Bundestag. Brantner wies den Verdacht einer Verschwörung zurück, gelobte aber, an besseren Beziehungen zur Parteijugend zu arbeiten.
Als ersten Schritt trieb sie Spenden für einen Unimog ein, den die Grüne Jugend seitdem als Partymobil nutzt. An dem Freitag, der für Brantner vor dem Pleitegeier endet, ist er am Rostocker Hafen im Einsatz, und zu Beginn dieses Abends macht die Parteichefin einen Anstandsbesuch. Erst läuft Ikkimel, dann legen die jungen Leute freundlicherweise einen Oldie von Wir sind Helden auf. Die Parteichefin tanzt dazu auf der Ladefläche hinter einem Transparent mit der Aufschrift „Antifa bleibt Handarbeit“. Voller Einsatz.
Fragt man in der Partei nach der 47-Jährigen, nennt fast jeder eine Eigenschaft: Fleiß. Mehrere machen ihn an einer Uhrzeit fest: Regelmäßig schreibe Brantner nach 23 Uhr noch SMS-Nachrichten.
Sie selbst sagt, sie mache so viele Spätschichten, weil sie alleinerziehend sei. Lange Zeit konnte sie sich abends erst wieder an den Schreibtisch setzen, wenn die Tochter im Bett war. Sie sei aber auch mit dem Anspruch groß geworden, dass man „anpackt und nicht denkt, jemand anderes macht’s“. Und: „Dass man die Arbeit gescheit macht.“ Nicht nur Fleiß also, sondern auch Akribie.
Anfang September besichtigt Brantner das Stahlwerk in Salzgitter. Der Konzern will wegkommen von der Kohle und steckt mitten in der Transformation. Steigt der CO2-Preis nicht, geht seine Kalkulation nicht mehr auf. Die Verantwortlichen erzählen, dass hätten sie bei einem Besuch auch Katherina Reiche gesagt, der Wirtschaftsministerin.
„Das nehme ich mal mit“, habe diese geantwortet.
„Ich hasse diesen Satz“, sagt Brantner. Als sie noch selbst Staatssekretärin im Wirtschaftsministerium war, hörte sie einmal von einem Dorfbürgermeister, der daran scheiterte, Fördermittel für den Klimaschutz in einem Neubaugebiet zu bekommen. Brantner startete eine Videokonferenz und beriet den Mann. Ein paar Wochen später ging sein Antrag durch.
Wer sich überall reinkniet, hat zwei Vorteile. Erstens: viel Wissen. In Salzgitter führt ein Abteilungsdirektor die Grünen-Chefin über das Gelände. Er erklärt, dass früher vor Ort Eisenerz abgebaut worden sei, der Eisengehalt aber gering gewesen. Die Australier hätten es da besser. Brantner weiß das aber schon. Um ihr etwas Neues zu erzählen, muss der Mann tiefer in die Details der Firmengeschichte gehen – bis zu einem gescheiterten Fusionsversuch in den Neunzigern. „Ach, krass“, sagt sie.
Wer sich überall reinkniet, hat zweitens ein großes Netzwerk. Egal, wo Brantner hinkommt, irgendwen kennt sie immer. Und falls nicht, lernt sie jemanden kennen.
Auch in Rostock. Nach der Party mit der Grünen Jugend steht Kneipenwahlkampf auf dem Programm. Bevor es losgeht, holt sich Brantner ein Pils bei Best Kebap. Der Geschäftsführer ist nicht da, aber als ihm ein Mitarbeiter schreibt, wer zu Besuch sei, macht er sich auf den Weg.
Ali Bastimar betreibt den Imbiss und mehrere Kioske. Vor ein paar Wochen brachte er Brantner ein Getränk, als sie vor dem Laden Flyer verteilte. Er kannte sie zwar nicht, fand aber die Grünen schon immer gut. Sie kamen ins Gespräch, und Brantner verlegte ihren Wahlkampf nach drinnen: Sie zog sich das Shirt eines Mitarbeiters über. Dann habe sie, so Bastimar, eine halbe Stunde lang Chickendöner und Dürüms rausgegeben. Als er jetzt eintrifft, berät er sie zur Route für den Abend. Vielleicht erst ins Unfug oder ins Molotow und am Ende ins Desaster? Als Brantner schließlich loszieht, geht er mit.
Wer sich überall reinkniet, schafft sich aber auch Probleme. Es gibt noch ein Wort über Brantner, das unter Grünen oft fällt: Mikromanagement. Der Begriff steht für Chef*innen, die ihren Leuten nicht vertrauen und ihre Arbeit bis ins Kleinste kontrollieren. Abgeordnete erzählen, dass Brantner sich gerne in Verhandlungen über Fachanträge einmischt. Dass sie in der SMS um 23 Uhr auch mal aufs Tempo drückt oder unerbetene Anmerkungen schickt. Das könne Leute verärgern und Abläufe durcheinanderbringen.
Brantner kennt die Kritik. Wo andere von Mikromanagement reden, spricht sie aber lieber von Krisenprävention. Läuft irgendwo etwas schief, fliegt es schnell der Spitze um die Ohren. Warum hat der Vorstand nichts gemacht?, heißt es dann. Wie im Januar, als die Grünen im EU-Parlament aus Versehen mit der AfD den Freihandelsvertrag des Mercosurs ausbremsten. Tagelang gab das schlechte Presse.
„Ich sehe es als Teil meiner Aufgabe, die pain points anzusprechen“, sagt sie. Mit der Zeit habe sie aber gelernt, abzuwägen, wo sich das lohnt. „Ich sage jetzt häufiger: Whatever. Ich habe zwar ein ungutes Gefühl, aber macht es.“
Gerade die Akribie birgt noch eine Gefahr: Auch nach außen verlor sich Brantner früher manchmal in Details. Als Journalist konnte man das in Interviews erleben. Es kam vor, dass sie im Gespräch eine Stunde lang etliche Fakten präsentierte und einem danach ins Treppenhaus folgte, um einen weiteren nachzuschieben. Trat man unten aus der Parteizentrale, wusste man trotzdem nicht genau, was sie eigentlich gesagt hatte.
In diesem Jahr hielt Brantner zwei Reden mit einer neuen Klarheit. „Ich war gezwungen, sehr tief nachzudenken“, sagt sie selbst. „Was sind gerade die Herausforderungen? Welche Rolle spielt Deutschland? Und wie willst du es besser machen?“ Sie hatte von der Universität Oxford die Einladung bekommen, eine Grundsatzrede zu Europa zu halten. In der Vergangenheit sprachen dort Leute wie Wolfgang Schäuble und Tony Blair. „Franziska, diese Rede musst du scheißgut vorbereiten“, habe sie sich gedacht.
Sie ging es nicht weniger akribisch an als sonst, aber anders. Sie nahm sich die Zeit, einen Gedanken auszuarbeiten, der schon länger in ihr gärte: Deutschland habe bald das stärkste Militär in Europa, und den Nachbarstaaten mache das Angst. Die Aufrüstung sei zwar nicht falsch. Sie müsse aber europäisch sein und nicht national. „Nie wieder allein“, forderte sie in Oxford. Wenn sie jetzt mal wieder am Wahlkampfstand hört, die Grünen seien zu verliebt ins Militär, antwortet sie damit.
Zur zweiten Rede zwang sie ihr Amt. Im Winter, im Wahlkampf in Baden-Württemberg, habe sie oft gesagt, man müsse die liberale Demokratie retten. Als dann ein Bürger gefragt habe, warum, habe sie gemerkt, dass die Grünen keine einfache Antwort haben. „Wir fragen immer nur, wie wir sie retten, und nicht, warum.“ Früher hat zu solchen Fragen oft Robert Habeck ein schlaues Video gedreht. Habeck ist aber weg, und Brantner merkte: „Diesen Impuls musst du als Parteivorsitzende geben.“
Also nahm sie sich noch mehr Zeit zum Nachdenken und beantwortete dafür ein paar Presseanfragen weniger. Ende Mai hielt sie auf einem Grünen-Kongress eine Rede über die Freiheit: Es brauche einen neuen Liberalismus, der nicht so verkommen sei wie der der FDP, sondern vor Klimakrise und Armut schütze und den Menschen wieder Hoffnung gebe.
Damit können nicht alle bei den Grünen etwas anfangen. Viele wollen das Klima schützen, um das Klima zu schützen. Sie brauchen nicht den Umweg über die Freiheit. Aber selbst unter solchen, die mit dem Ansatz fremdeln, gibt es Respekt dafür, dass ihr Kompass sichtbar wird. „Das Sein prägt das Bewusstsein“, sagt Anton Hofreiter, der als Fraktionschef auch mal in der ersten Reihe stand. „In der Rolle als Parteivorsitzende musst du wachsen, oder du gehst unter. Sie ist gewachsen.“
Da ist also eine Politikerin, die anpackt, Ahnung hat und jetzt auch noch weiß, was sie will. Im Großen und Ganzen könnte das eigentlich das richtige Angebot sein für eine Bevölkerung, die laut Umfragen niemandem mehr zutraut, ihre Probleme zu lösen. Umfragen zeigen aber auch: Viele Menschen kennen Franziska Brantner nicht. Unter denen, die sie kennen, ist sie nicht populär. Es reicht zu einer guten Staatssekretärin und einer ordentlichen Parteivorsitzenden. Aber auch zu mehr?
Im Politikbetrieb ist an der Stelle oft die Rede von Strahlkraft. Im Kern meint der Begriff: Viele Menschen mögen einen Politiker und hören gerne zu, wenn er irgendwo spricht – selbst wenn sie inhaltlich nur halb zustimmen. Strahlkraft war in der Politik schon immer wichtig, aber vielleicht noch nie so sehr wie heute: Die Parteienbindung nimmt ab, die Personalisierung zu.
Bei den Grünen hatte lange Zeit Robert Habeck Strahlkraft. Deswegen träumen viele von seiner Rückkehr. Cem Özdemir hat sie spätestens seit seinem Wahlkampf in Baden-Württemberg. Ricarda Lang, seitdem sie keine Verantwortung mehr trägt.
An der Parteispitze entwickelt sie bisher am ehesten Brantners Co-Vorsitzender Felix Banaszak. Auf Instagram hat er 260.000 Follower, Brantner knapp 90.000.
Menschen interessieren sich eher für Politiker*innen, die Persönliches teilen. Brantner tat das lange nicht. Der Vater ihrer Tochter ist Boris Palmer, die beiden trennten sich früh. Für Boulevardmedien ist das eine spannende Konstellation, und Brantner wollte verhindern, dass sie sich über ihr Kind hermachen. Um es ihnen rechtlich nicht zu ermöglichen, hilft es, selbst nichts Privates zu offenbaren. Es ist auch einfach nicht ihr Ding.
Vor ein paar Monaten gab sie doch einmal einer Stern-Reporterin ein Interview über ihr Leben. Sie hatte gemerkt: Wenn sie gar nichts erzählt, verliert sie auch die Kontrolle. Die Menschen würden sich ausmalen, dass sie mit ihrem Studium in Paris und New York aus den feinsten Kreisen stamme. Weil die Grünen als Elitenpartei verschrien sind, wollen Grüne aber auf keinen Fall Elite sein
Im Interview stellte Brantner also klar, dass sie auf Stipendien angewiesen war und die Uni mit Schulden verließ. Ihre Mutter habe es als geschiedene Frau in einer konservativen Kleinstadt schwer gehabt. Und als Alleinerziehende in der Politik sei es für Brantner selbst auch nicht immer leicht.
Das Interview war eine Herausforderung für sie. „Ich habe bei solchen Themen bisher eine starke Schere im Kopf. Aber ich glaube, sie geht jetzt ein bisschen auf“, sagt sie.
Für ihre Sichtbarkeit in den sozialen Medien sieht Brantner selbst noch einen Nachteil. Viele ihrer Themen, etwa die Außen- und Verteidigungspolitik, seien komplex. Und sie neige nicht zur Zuspitzung. Mit ihren Social-Media-Leuten gibt es deswegen Diskussionen. Das Team wünscht sich oft steilere Aussagen, die sich besser klicken. „Wenn ich das dann mal mache, merke ich wieder: Es ist nicht meins.“ Sie wolle die Differenziertheit nicht der Social-Media-Logik opfern. Eine relevante Klientel schätze sie auch gerade dafür, nicht zu polarisieren.
Foto: Dan Petermann
Es gibt zwar Themen, bei denen sie doch gerne draufhaut. Gegen „Techbros“ wie Elon Musk teilt sie oft aus, neuerdings auch gegen die Ölkonzerne. Am Zapfhahn „saugen sie uns das Geld vom Konto“, schrieb sie zu den hohen Benzinpreisen. Richtig viel Reichweite bringt ihr aber auch das nicht. Eine Frage des Timings, glaubt Brantner: Sie müsse öfter den Moment erwischen, in dem ein Thema groß wird und sie die Welle reiten kann. „Da habe ich noch Verbesserungspotenzial“, sagt sie.
Kann sie sich die Strahlkraft erarbeiten? Manche von Brantners Unterstützer*innen glauben das. Es brauche eben Zeit. Cem Özdemir galt auch nicht immer als glänzender Wahlkämpfer und wurde dann doch zur Marke – als Schaffer. Auch Fleiß kann also faszinieren. Andere in der Partei sind skeptischer, vielleicht die Mehrheit. „Es gibt einen Anteil von Charisma, den man sich nicht kochen kann“, sagt jemand über Brantner. „Wenn man es doch versucht, wirkt es schnell bemüht.“
In Rostock betritt Franziska Brantner mit ihren Flyern die Ölkanne, eine Hansa-Kneipe. Darin sitzen Typen mit ernsten Gesichtern, aber auch eine junge Frau, die gut drauf ist. „Kommt rein! Kommt rein!“, ruft sie. Dann hält sie der Grünen-Chefin ihren Drink hin, einen Lillet Wild Berry. Brantner probiert aus dem Glas und holt sich dann einen eigenen.
Die beiden kommen ins Gespräch über den Job der Frau. Sie arbeite in der Familienhilfe, habe mit vielen schwierigen Fällen zu tun. Kinder in Brennpunkten und Teenagerschwangerschaften in der vierten Generation. Im Bundestag hat früher auch Brantner zu solchen Themen gearbeitet.
Die Unterhaltung ist schwer zu verstehen, denn direkt daneben steht ein betrunkener Pfälzer, der nicht einsieht, dass er als Lautern-Fan in der Kneipe kein Bier bekommt. Das wird etwas lauter ausdiskutiert. Die Frauen lassen sich davon aber nicht beirren. Zum Abschied umarmen sie sich sekundenlang.
Foto: Dan Petermann
Wer eine Weile mit Brantner unterwegs ist, erlebt so etwas regelmäßig: Jemand redet mit ihr und ist hinterher begeistert. Es ist zwar nicht ungewöhnlich, dass es Menschen beeindruckt, eine Prominente persönlich zu sprechen. Aber bei Brantner passiert es, für eine Politikerin ohne Strahlkraft, erstaunlich häufig. Was ihr auf Bühnen und vor Kameras schwerfällt, gelingt ihr in direkten Gesprächen. Fragt man hinterher die Beeindruckten, was sie so begeistert habe, antworten sie zum Beispiel: Die war total gut informiert und interessiert an dem, was ich sage.
Das liegt zum Teil an kleinen Tricks. Oft legt Brantner ihre Hand kurz auf den Arm ihres Gegenübers. Bevor sie antwortet, wiederholt sie dessen letzte Worte. Sie hat das gelernt, als sie vor Jahren in einem Frauen-Friedensprojekt in Tel Aviv als Mediatorin half. Nennt sich Pacing, eine Methode des neurolinguistischen Programmierens, die Vertrauen herstellt.
Das allein ist es aber wahrscheinlich nicht. Vielleicht spricht Franziska Brantner auch einfach gerne mit Menschen. „Allgemein sehr kommunikationsfreudig“, stand vor 27 Jahren in ihrer Abizeitung. „Auf jeder Studi-Party anzutreffen, nicht immer volltrunken, aber auf jeden Fall mittendrin.“ Auch „diskussionsfreudig“ war sie demnach schon damals. Sei nicht anders gegangen, sagt sie, als junge Grüne in einer schwarzen Kleinstadt und mit einem konservativen Vater.
In Rostock will Brantner am Ende des Abends in den Pleitegeier. Schon am Vorabend sei sie dort gewesen und habe, wie sie sagt, die „besten Gespräche ever“ gehabt. Aber heute steht eben die Rote Jugend auf dem Gehweg davor und ruft der Grünen zur Begrüßung entgegen, dass man ihre Partei hasse und sie hier nichts zu suchen habe.
Brantner nimmt die Einladung an, tritt näher und fragt die jungen Leute nach zehn Dingen, die sie mögen, und zehn, die sie hassen. Wahrscheinlich lernt man das auch in Mediationskursen. Die Rote Jugend mag Wostok Tannenwald (die Limonade), Mao, Stalin und Gewalt. Sie hasst Israel, grüne Kriegstreiber, Zionismus, Genozid und einiges mehr.
Foto: Dan Petermann
Dann startet eine Diskussion, in der Brantner Sätze sagt wie: „Die Raketen, die von Jemen auf Tel Aviv fallen, töten ja auch Menschen.“ Manchmal antwortet einer mit „Ja, aber …“, doch meistens ruft ein anderer „Was für ein Scheiß!“ oder „Keine Waffen an Israel!“ – „Auch nicht, wenn es Israel dann nicht mehr gibt?“ – „Das wäre sowieso gut!“
Brantners Pressereferentin hat genug, sie drängt zum Aufbruch. Aber erst nach einer halben Stunde, zig weiteren Nahostauslassungen und dem Geschrei über das Scheißsystem lässt es die Grünen-Chefin gut sein. Angst hatte sie nicht. „Vor so Typen? Wieso?“, sagt sie später und schiebt noch einen Halbsatz hinterher, der nicht zitierfähig ist.
Ihre Partei bekommt aus der Gruppe aber keine Stimme. Für den Pleitegeier ist es inzwischen zu spät, und es hat auch niemand für Social Media gefilmt. Hätte sonst sicher geknallt.
Warum hat sie das also gemacht?
„Drei von denen haben zugehört. Das habe ich in den Augen gesehen“, antwortet sie auf dem Weg zum Taxi. „Für die habe ich das gemacht.“
Gemeinsam für freie Presse
Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. So viele unterstützen freiwillig und regelmäßig. Noch nicht dabei? Werden Sie jetzt Teil der Community! Jetzt unterstützen