berliner szenen: Schwieriger als rumstehen
Wir stehen in der Schlange des Jobcenters. Allerdings ist das Jobcenter nicht echt und die Schlange ebenfalls nicht. Nur wir sind echt, wenngleich auch wieder nicht so wahnsinnig echt. Wir sind Komparsen für einen Film, den Titel habe ich vergessen. Ich glaube, es war irgendwas mit „Job“.
Ich bin eigentlich gar nicht scharf auf so etwas, doch ein Bekannter hat uns darum gebeten. Nun stehen wir im Untergeschoss des Filmmuseums vor einer Stahltür. Neben der Tür hängt ein Schild. Auf dem Schild steht „Anmeldung. Zimmer soundso.“ Natürlich nicht wirklich „soundso“, sondern eine Zahl. Die habe ich aber auch vergessen. Das ist quasi ein Platzhalter hier, denn in der Realität steht dort eine echte Zahl. Alles soll echt wirken.
Wir sollen nur rumstehen und matt geradeaus gucken. Das kann ich gut. In unsere Mitte hat man eine echte Schauspielerin geschmuggelt, die soll als Einzige von uns zwei Sätze sprechen. Und zwar zu einer anderen, noch wichtigeren Schauspielerin, die sich von außerhalb des Bildes der Schlange nähert. Sie muss die Sätze oft wiederholen, denn Sprechen ist viel schwieriger, als einfach nur rumzustehen. Das weiß ich aus eigener Erfahrung.
Bei einigen Einstellungen wird die wichtigere Schauspielerin geschont. Sie darf nicht verheizt werden. Das verhält sich wie mit Schlüsselspielern, die gegen den Tabellenletzten auf der Bank sitzen, damit sie in der Champions League fit sind. Die Schlangenschauspielerin soll dann „den Schärfenzieher anspielen“.
Wenn die Kamera aus ist, witzeln wir miteinander herum. Dass wir bei der nächsten Klappe ein Musical tanzen. Oder auch mal zwei Sätze sagen. Was man eben so macht, wenn es langweilig ist. Nach drei Stunden dürfen wir nach Hause gehen. Draußen scheint die Sonne.
Uli Hannemann
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