PORTRAIT: Schwere Nachfolge
■ Pierre Mauroy gilt als Kompromißpolitiker
Berlin (taz) — Der Mann wird es nicht leicht haben. Schließlich muß Pierre Mauroy, seit gestern Präsident der Sozialistischen Internationale, erst einmal aus dem Schatten seines beliebten Vorgängers Brandt treten. Außerhalb Frankreichs ist der schwergewichtige 65jährige nicht einmal bei Sozialdemokraten besonders bekannt. Zuviel Zeit ist vergangen, seit er — von 1981 bis 1984 — als erster sozialistischer Premierminister unter Mitterrand die Regierungsgeschäfte leitete. Damals tat Mauroy die radikalsten Reformschritte, die die PS je gewagt hat: Er verstaatlichte Schlüsselindustrien und Banken, leitete eine vorsichtige Regionalisierung ein, schaffte die Todesstrafe ab und hob Minimallöhne und Renten beträchtlich an. Zurücktreten mußte er 1984 nach Massendemonstrationen gegen ein neues Schulgesetz. Im Januar dieses Jahres mußte Mauroy erneut den Kopf hinhalten. Um die Chancen seiner Partei bei den bevorstehenden Regionalwahlen zu verbessern, trat er vom Vorsitz der PS zurück, den er dreieinhalb Jahre innegehabt hatte. Allein in Lille hat Mauroy die Position gehalten: Dort ist er seit 1973 der Bürgermeister.
Im französischen politischen Establishment ist der verbindliche und joviale Sozialdemokrat aus dem ehemaligen Kohlerevier im Norden eine Ausnahme. Er hat keine Eliteschule besucht, sondern eine Ausbildung zum Gewerbelehrer gemacht. In die sozialdemokratische Bewegung stieg er 1944 ein. 1971, als die PS gegründet wurde, deren Stern jetzt im Sinken begriffen ist, war er dabei. Sein MitstreiterInnen kennen ihn als Kompromißpolitiker. dora
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