: Schweigend gegen Kindermörder
■ In Brüssel gedachten gestern mehr als 250.000 Menschen der Opfer des Kindermörders Dutroux und protestierten gegen das jahrelange Versagen der Justiz. Es war die größte Demonstration in der belgischen Nachkriegsgeschichte
Brüssel (AFP/dpa) – Weiß gekleidet, mit Ballons und Blumen gedachten gestern mehr als 250.000 Menschen aus allen Teilen Belgiens schweigend der Opfer des Kinderpornoherstellers Marc Dutroux. Es war die größte Demonstration der Nachkriegsgeschichte in dem Zehn-Millionen- Einwohner-Land. Angesichts des unerwartet starken Andrangs setzte sich der „Weiße Marsch“ eine halbe Stunde früher in Bewegung als geplant, um für Nachrückende Platz zu machen. „Nieder mit Justiz und Gendarmerie – Schluß mit der Vertuschung!“ wurde auf Transparenten gefordert. Die Eltern der ermordeten Mädchen und anderer vermißter Kinder gaben in einer Ansprache das Startsignal für den Schweigemarsch. „Wir danken euch allen!“ rief die Mutter der ermordeten Julie der Menge zu. „Ihr seid die Zukunft unseres Landes“, sagte Pol Marchal, Vater der ebenfalls getöteten An. Am Nachmittag empfing Ministerpräsident Jean-Luc Dehaene die Eltern der Dutroux-Opfer und die überlebenden Kinder.
Die Demonstration war schon vor drei Wochen als Schweigemarsch geplant worden, aber erst durch die Absetzung des Untersuchungsrichters Jean-Marc Connerotte vor einer Woche bekam die Veranstaltung besondere politische Brisanz. Bereits die ganze Woche über hatte es spontane Kundgebungen gegen die Absetzung von Connerotte gegeben. Dem war vergangene Woche wegen Befangenheit der Fall entzogen worden. Er hatte an einer Wohltätigkeitsveranstaltung mit den Opfern teilgenommen. Viele Belgier befürchten, die Ermittlungen der Hintermänner, Kunden und Auftraggeber des Kinderpornoherstellers Dutroux könnten nun erneut im Sande verlaufen. Denn erst die Ermittlungen Connerottes und seines Staatsanwalts Bourlet hatten dazu geführt, daß Dutroux gestellt und wenigstens zwei entführte Mädchen noch lebend befreit werden konnten.
Beide, die 12jährige Sabine Dardenne und die 14jährige Laetitia Delez, wurden gestern von den Demonstrationsteilnehmern begeistert empfangen. Auch sie dankten den Anwesenden für ihre Anteilnahme. Ein Zehnjähriger sang das „Lied für die Kinder der Erde“, das er auch bei der Beerdigung der Dutroux-Opfer Melissa und Julie gesungen hatte. Unmittelbar vor Beginn des Marsches forderten im Fernsehsender RTL-TVI die Eltern von Julie und Melissa von Dehaene erneut Konsequenzen aus der Affäre.
Die belgische Eisenbahngesellschaft SNCB hatte über 100.000 ermäßigte Tickets an die Teilnehmer des Schweigemarschs verkauft. Über 150 Busse trafen aus allen Teilen Belgiens in der Hauptstadt ein. Die Sonderparkplätze, die am Stadtrand eingerichtet worden waren, waren nach Polizeiangaben vollständig besetzt.
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