piwik no script img

Schwarz-Weiß-Schema

■ betr.: "Verkorkste Argumentationen", taz vom 25.6.91, und "Entweder Embryo oder Frau", taz vom 2.7.91

betr.:„Verkorkste Argumentationen“, taz vom 25.6., und „Entweder Embryo oder Frau“, Leserbrief vom 2.7.91

Sehr geehrte Frau Meinhard, ich sehe mich durch Ihren Brief in ein Schwarz-Weiß-Schema gepreßt, was ich nicht akzeptiere. In o.a. Artikel habe ich versucht aufzuzeigen, daß bei einem so existentiellen Thema wie der Abtreibung die Voraussetzungen zur Entscheidungsfindung geklärt werden sollten, und zwar, bevor daraus resultierende Konsequenzen in die Entscheidung einfließen. Eine unverzichtbare Voraussetzung ist die Frage, ob es sich beim Fötus bzw. Embryo bereits um einen Menschen handelt oder nicht. Erst im zweiten Schritt, nach einer klaren Antwort auf die erste Frage, kann und muß jedeR für sich die Konsequenzen ableiten. Werden aber beide Schritte vermischt, tritt ein, was Götz Aly so klar als Einbrechen des individuellen Utilitarismus bezeichnet hat; um diesen Widerspruch ging es mir in meinem Vergleich der beiden Debattenbeiträge von Götz Aly und Helga Lukoschat.

Diese deutliche Unterscheidung der beiden Schritte in der Meinungsbildung vermisse ich oft in der Diskussion, auch seitens der Grünen. Der Vergleichspunkt mit der ehemaligen DDR-Führung liegt in der Unwilligkeit bis hin zur Unfähigkeit, die Voraussetzungen in der Meinungsbildung klar und deutlich zu definieren und sie damit auch anfragbar zu machen. Ein solcher Vergleich (in diesem einen Punkt) bedeutet keine Beleidigung, und ich lasse diese in schmerzlichen Diskussionen gewonnene Einsicht nicht tabuisieren, nur weil sie im Zusammenhang mit der ehemaligen DDR- Führung bzw. deren propagandistischem Arm in Schulen usw. steht.

Für unrealistisch halte ich die Frontstellung: hier Männer — da Frauen. Das ist so ein populistischer Allgemeinplatz [...].

Den Begriff Mord habe ich nicht verwendet, das weise ich zurück. Meiner Meinung nach handelt es sich aber um Tötung, da ich das ungeborene Kind von Anfang an als Mensch sehe. Die abschließende Frage meiner Zuschrift war der Versuch, auf eine klare Antwort zu drängen bei der angesprochenen Frau Lukoschat, denn sie läßt genau das in ihrem Beitrag vermissen.

Unverständlich ist für mich der Vorwurf, daß die Diskussion oft von Männern geführt wird, die theoretisch viel über das vorgeburtliche Leben wissen. Praktisch ist das ja auch kaum möglich, nicht wahr? Sollten Sie aber damit meinen, daß Männer nur in der Theorie die Probleme kennen, muß ich auch das für mich zurückweisen. Als Sozialarbeiter arbeite ich seit einigen Jahren in einem Kinderheim, in dem zum Teil Kinder leben, die bei ihren Eltern kein Zuhause finden. Außerdem stamme ich selbst aus einer großen Familie und habe inzwischen eigene Kinder. [...]

Ihre Alternative „Embryo oder Frau“ lehne ich als Regelfall vehement ab. Die tatsächliche Ausgrenzung von Frauen, die (allein) mit Kindern leben, wird nicht gelöst mit der Ausgrenzung des noch schwächeren Gliedes der Kette, des Kindes. Gerade weil unsere Gesellschaft sich leider in stärkere und schwächere Gruppen zerteilt, kann doch der Schwarze Peter nicht an die völlig Schwachen weitergegeben werden. [...] Der Drang nach Veränderung muß in die andere Richtung gehen, und das nicht geschlechterkonträr, sondern gemeinsam gegen den extremen individuellen Utilitarismus der vielen, die sich in namenlosen Strukturen und angeblichen Sachzwängen ausdrückt.

Wenn Sie aber meinen, im Konfliktfall ist es für betroffene Frauen letztendlich egal, ob ein Embryo schon ein Mensch ist oder nicht (weil die Problemsituation die gleiche bleibt), weichen Sie ebenso wie Frau Lukoschat einer klaren Antwort auf diese Frage aus. Solange aber die Voraussetzungen zur Entscheidungsfindung nicht gegeben sind, erschweren Sie damit ein sinnvolles Gespräch und das Ringen um eine Lösung jeder einzelnen betroffenen Frau. Ich befürchte sogar, daß Sie damit das Geschäft derer fördern, für die Kinder ohnehin nur eine Last sind und Geld kosten, anstatt dieser morbiden Weltsicht entgegenzutreten. Da ich Ihnen das keinesfalls als Absicht unterstellen möchte, bitte ich Sie sehr, den Konsequenzen Ihrer indifferenten Meinung — wenn auch nur theoretisch — nachzugehen. Rein logisch ließe sich ja auch sagen: Im extremen Konfliktfall ist es letztendlich egal, ob ein Greis, ein geistig behinderter Mensch, ein durch Unfall verstümmelter Mensch usw. ein Mensch ist oder nicht, für die dadurch belasteten Angehörigen bleibt die Situation die gleiche. [...] Bernward Credo, Kefferhausen

50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen