piwik no script img

Schulstreik gegen Wehrpflicht„Wir stehen für Abrüsten statt Aufrüsten“

Am Donnerstag findet der zweite bundesweite Schulstreik statt. Der 17-jährige Shmuel Schatz aus Berlin ist an der Planung beteiligt.

Schü­le­r:in­nen auf der Straße: So sah der letzte Schulstreik in Berlin aus Foto: imago/Peter Homann

Interview von

Martha Lippert

taz: Du bist 17 Jahre alt und gehst noch zur Schule. Seit diesem Jahr erhält je­de:r ab 18 einen Fragebogen über die Bereitschaft, Wehrdienst zu leisten. Im nächsten Sommer werden junge Männer ab Jahrgang 2008 verpflichtend zu einer Musterung eingeladen. Der Fragebogen und die Musterung könnten dich beide betreffen. Was macht das mit dir?

Shmuel Schatz: Ja, ich bin natürlich wütend darüber. Wenn die Wehrpflicht wirklich eingeführt wird, bin ich gezwungen, zur Bundeswehr zu gehen und möglicherweise sogar zu sterben, während der Staat schon seit Jahren an allen Ecken und Enden spart. In der Bildung, gerade in meiner Schule, sehe ich das ganz, ganz deutlich, etwa am Lehrkräftemangel. Ich sehe das in der Infrastruktur, im Alltag. Ich sehe das im Gesundheitswesen. Das macht mich sauer.

taz: Weißt du schon, was du machst, falls du einen Musterungsbrief bekommst?

Schatz: Ja, ich werde verweigern.

taz: Aber gibt es hier nicht auch eine solidarische Gemeinschaft, die es zu verteidigen lohnt?

Schatz: Ich denke nicht, dass ich im Kriegsfall für meine Interessen sterbe oder die meiner Brüder oder Nachbar:innen, sondern für die Profite von Rüstungskonzernen wie beispielsweise Rheinmetall.

Im Interview: Shmuel Schatz

17 Jahre alt, geht in Berlin zur Schule. Über Social Media ist er auf den Schulstreik gegen die Wehrpflicht aufmerksam geworden. Schatz ist Mitorganisator des Schulstreiks in Berlin und Mitglied des lokalen Streikkomitees.

taz: Am Donnerstag findet schon der zweite Schulstreik gegen die Wehrpflicht statt, für die Hauptversammlung am Potsdamer Platz sind laut Polizei 2.000 Teilnehmende angemeldet. Damals im Dezember sind nach euren Angaben rund 55.000 Menschen bundesweit auf die Straße gegangen. Aber das neue Wehrdienstgesetz wurde noch am selben Tag verabschiedet. Was sind eure Ziele für diesen kommenden Streik?

Schatz: Wir hoffen, mehr Menschen auf das Problem aufmerksam zu machen. Die Wehrpflicht ist immer noch nicht beschlossen, aber es werden immer weitere kleine Hintertürchen geöffnet. Am Anfang stand selbst die verpflichtende Musterung nicht fest und ist jetzt beschlossene Sache. Es soll nicht bei diesen zwei Streiks bleiben. Keine Bewegung hat nach nur einer Aktion ihre Ziele erreicht.

taz: Wie organisiert ihr euch? Die Bewegung wächst momentan an ganz vielen Standorten, du bist im Streikkomitee in Berlin tätig.

Schatz: Das ist unterschiedlich. In den lokalen Komitees arbeiten vor allem Schüler:innen. Sie beteiligen sich an der Vorbereitung auf die Streiks, aber natürlich haben wir auch Unterstützung von Schü­le­r:in­nen­ver­tre­tun­gen und Gewerkschaften, die sich je nach Stadt unterscheiden können.

taz: Wie steht die Schulleitung zu den Streiks?

Schatz: Da gibt es natürlich manche, die stellen sich quer, sind dagegen. Aber viele Leh­re­r:in­nen solidarisieren sich auch aktiv mit den Schü­le­r:in­nen und wollen helfen, solche Strukturen an den eigenen Schulen aufzubauen.

taz: Habt ihr den Eindruck, dass ihr Schü­le­r:in­nen in der Debatte nicht wirklich gehört werdet?

Schatz: Ich würde schon sagen, dass wir gehört werden. Aber es wird eben nichts für uns getan. Es wird keine Politik für uns gemacht. Wenn wir im Vergleich ansehen, dass ein Leopard-2-Panzer sechs Millionen Euro kostet und man dafür um die hundert Lehrkräfte für ein Jahr bezahlen könnte, dann ist das ein Widerspruch.

Ich würde schon sagen, dass wir gehört werden. Aber es wird eben nichts für uns getan.

Shmuel Schatz, Mitglied des Streikkomitees in Berlin

taz: Was würdest du dir von der Politik wünschen?

Schatz: Dass sie Politik für die Menschen macht, für die Jugend wie auch für Erwachsene. Es muss Geld in Bildung fließen, in Soziales und ins Gesundheitswesen. Wie man in Berlin sehen kann, sind viele Jugendclubs sehr am Kämpfen. Dafür braucht es Geld und nicht für die Bundeswehr. Wir stehen für Abrüsten statt Aufrüsten.

taz: Schulstreiks kennt man vor allem von Fridays for Future. Wollt ihr das neue Fridays for Future werden?

Schatz: Wir versuchen einfach, für unsere Interessen einzustehen, und werden weiterhin an unseren Forderungen festhalten, bis sie erfüllt werden.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare