: Schuld- und Schamgefühle überwinden
■ Bundesweit einzige Anlaufstelle für straffällig gewordene Frauen: Beim Neuköllner "Frauenprojekt" vermitteln Gerichts- und Bewährungshelferinnen zwischen Staatsanwaltschaft, Strafgerichten und Frauen
Für manche ist die Schwelle zum „Frauenprojekt“ in der Neuköllner Weisestraße schwer zu überschreiten. Schuld- und Schamgefühle kommen hoch, wenn Frauen über ihre Straftaten erzählen. Im Verlauf der Gespräche werde aber auch oftmals deutlich, daß sie froh und erleichtert sind, endlich ihre Lebensgeschichte abladen zu können, berichtet Felizitas von der Höh, eine der Mitarbeiterinnen des Projektes.
Seit Juli vergangenen Jahres versuchen sechs Frauen aus der Gerichts- und Bewährungshilfe, zwischen der Staatsanwaltschaft, den Strafgerichten und den weiblichen Angeschuldigten, Angeklagten oder Verurteilten zu vermitteln.
Bundesweit sei dies ein erster Versuch, straffällig gewordenen Frauen neue Lebens- und Orientierungshilfe zu geben. Von den Sozialarbeiterinnen bekommen Richter wichtige Hinweise, um Delikte besser einordnen zu können. Auf Wunsch werden die Frauen auch zu Gerichtsverhandlungen begleitet und gegebenenfalls Bewährungsaufsichten übernommen.
„Die Motive der Straffälligkeit von Frauen unterscheiden sich stark von denen der Männer, und deshalb ist auch eine spezifische Behandlung dieser Problematik nötig“, sagt die Gründerin der Initiative, Bianca Lobien. Monatelang ist sie durch die Korridore der Justizverwaltung gezogen, ehe sie mit ihrem Vorschlag Gehör fand. Heute bittet in den meisten Fällen die Staatsanwaltschaft oder das Amtsgericht um ihre Mithilfe.
Im Mittelpunkt steht das Schicksal der Frau, die Kriminalität ist dabei nur ein Aspekt. Zu den positiven Erfahrungen zählt beispielsweise, daß einer jungen Frau nach sehr kurzer Zeit klar wurde, warum sie wiederholt in Kaufhäusern lange Finger machte. Nach jahrelangen Schwierigkeiten in der Familie versuchte sie offenbar, durch Diebstähle ihren Eltern zu schaden und so das Problem zu kompensieren. „Man kann nicht erwarten, daß die Frauen von heute auf morgen ihr ganzes Leben umkrempeln“, so Bianca Lobien. Der Erfolg ist schwer meßbar. Die Gespräche, die die Sozialarbeiterinnen mit den straffällig gewordenen Frauen führen, seien aber ein erster wichtiger Impuls zur Veränderung.
Manche Konsequenz fällt sehr schwer: So entschied sich eine Frau für die Trennung von ihrem Lebenspartner. Beziehungs- und Alkoholprobleme haben dazu geführt, daß sie einen anderen Mann mit einem Messer verletzte.
Die meisten Delikte, die von Frauen verübt werden, fielen in den Bereich der Kleinkriminalität und seien Straftaten mit geringer Schadenshöhe, berichten die Mitarbeiterinnen des Projektes. Viele Ratsuchende lebten in Abgeschiedenheit, in emotionaler Kälte. Sie hätten das Gefühl, zu kurz gekommen zu sein. Die Straftat werde dann zur Antwort auf unerträgliche Lebenssituationen oder unlösbar erscheinende Konflikte – häufig in Verbindung mit Krankheit, Sucht oder Selbstzerstörung. „Oftmals ist der Diebstahl ein Hilfeschrei, ein Ausdruck ihrer Notlage, eine Ersatzbefriedigung“, sagt Jenny Binscheck. dpa
„Frauenprojekt“, Weisestraße 24, 12049 Berlin
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