Schrittweise Rückkehr ins Leben: Pendelbier am Ausgabefenster

Gleichermaßen erleichtert, widerstrebend, skeptisch und doch hoffnungsfroh beginnt man, wieder nach draußen zu gehen.

Die riesige Buddha-Statue im Tempel Wat Nithetratpradit in Thailand trägt einen Mund- und Nasenschutz

Was die riesige Buddha-Statue kann, können viele Deutsche schon lange nicht Foto: dpa

Langsam schleicht der Prä-Corona-Alltag wieder heran. In zerhackstückter Form. Ich beäuge ihn gleichermaßen erleichtert, widerstrebend, skeptisch, hoffnungsfroh. In der Freiberufler-Bürogemeinschaft sind wieder Schreibtische besetzt. Manche haben zu tun, manche recherchieren Umschulungsmöglichkeiten. Ab Montag darf das Schulkind an drei Tagen pro Woche für drei Stunden wieder in die Schule.

Das Vorschulkind kann auch wieder in die Kita, für vier Stunden pro Tag. Kita- und Schul-Slot überschneiden sich zwischen 12.10 und 12.30 Uhr. Ha, 20 Minuten Me-Time, 20 Minuten konzentriertes Arbeiten für beide Elternteile, Wahnsinn! Dass dafür das brutale Diktat der gebotenen Pünktlichkeit und der ständige Blick auf die Uhr wieder als Stressoren auf den Plan treten: schaffen wir auch noch.

Es häufen sich die Verabredungen zum abendlichen Spazierengehen. Man trifft sich auf einer Kanalbrücke, schaut in den Maihimmel und in die endlich üppig grünen Baumkronen, holt sich an den neuen Pop-up-Ausgabefenstern der Kneipen Getränke, wandert herum und nennt es Walk and Talk. Am boudoirrot erleuchteten Fenster des lieben Club49 bekommt man „Frisch Gezapftes to Go“ und ein Kärtchen, auf das pro Bier ein Pinguin gestempelt wird. Für zehn Stempel gibt’s einen Kurzen gratis.

Zu Posh Teckel in der Pflügerstraße

Da wir „bitte nicht herumlungern“ sollen, nehmen wir die „#pendelbier“-Anregung auf und marschieren zum Posh Teckel auf der Pflügerstraße. Immer hin und her, bis zum zehnten Pinguin, so verstehen wir das Konzept. Aber als wir beim Teckel ankommen, hat der schon zu, Trottoir-Ausschank nur zwischen 17 und 21 Uhr erlaubt.

Aus einem vorbeifahrenden BMW schallt Türk-Pop. Vom Rückspiegel baumeln selbst genähte Mund-und-Nasen-Masken. Das Gefühl von: Riss in der Oberfläche der Wirklichkeit. Ein verunsicherter Blick in den nächsten BMW, in zweiter Reihe parkend. Der Wunderbaum, da ist er wieder! Die Wirklichkeit ruckelt sich zurecht.

Unter der U-Bahn am Görlitzer Bahnhof türmen sich die heruntergerissenen Plakate der zurückliegenden oder nie stattgefunden habenden Veranstaltungen zu meterhohen Schneewehen. Die Litfaßsäule am Heinrichplatz leuchtet weiß. Allein der Außenwerber wirbt für Plakatwerbung und ruft: „Jetzt buchen!“ Ein einsamer Aufkleber darunter grölt: „Angst ist das gefährlichere Virus!“

Unvernunft lugt aus allzu vielen Ecken

Ein Schrieb an der Tür zum Esoterik-Bedarfsladen am Platz salbadert passgenau: Mit Maske atme man sein eigenes CO2 ein, nehme keinen Sauerstoff mehr auf, belüfte die Lungen nicht, werde so erst recht krank und ginge „unnötig in die Angst“. Von daher trüge man in diesem Geschäft keine Maske. In der LPG fordert die Verkäuferin am Brotstand einen älteren Mann auf, die Maske aufzuziehen.

Er weigert sich. So dürfe sie ihn leider nicht bedienen. Der Mann knallt seinen vollen Einkaufskorb auf den Boden und verlässt den Laden. Die Unvernunft lugt aus allzu vielen Ecken und Winkeln, der Wahnsinn grinst schief, es wird unheimlich da draußen, es gibt nur noch brave Vermummte und genussvoll unbedeckte Provokateure. Deppen.

Als mir am Mittwoch mit Schulranzen behängte Erstklässler entgegengaloppieren, freue ich mich. Der akut von Verdrängung bedrohte Buchladen Kisch & Co. auf der Oranienstraße träumt in der Auslage schwarzhumorig von einer Zeit nach dem Kapitalismus. Angebrochen aber ist eine andere Zeit, ein anderes Danach.

Ich verliere den Glauben daran, dass es besser werden könnte als das Davor. Dann sehe ich auf Facebook, wie Frank Zander als „Frontschwein“ und „Schultheiss-Kiezkneipenretter“ jeweils einen Tausender an darbende Kneipen verteilt, unter anderem an den Posh Teckel. Hoffnung kehrt zurück.

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