Schinkels erstes Meisterwerk: Milchtrinken in der Basilika

Bei Neuhardenberg steht das Molkenhaus Bärwinkel. Der Berliner Architekt Frank Augustin rettete Schinkels Frühwerk vor dem Verfall

Schinkels Molkerei diente dem Adel Foto: Uwe Rada

Um 1800 war Preußens Welt noch in Ordnung. Noch weit waren die Niederlage gegen Napoleon, der Einmarsch der Franzosen durchs Brandenburger Tor oder der Frieden von Tilsit 1807, bei dem Preußen ein Drittel seines Staatsgebiets verlor. Gleichwohl war die Jahrhundertwende auch eine Zeitenwende. „Vor allem der Adel war nicht besonders amüsiert von der relativ fortschrittlichen Politik des Königs“, erklärt Frank Augustin. „Deshalb wollte er einen Geheimbund gründen und eine Gegenpolitik forcieren.“

Frank Augustin ist Architekt und Schinkelfreund. Doch wenn er über das Molkenhaus in Bärwinkel spricht, geht es erst einmal nicht um das zweite Gebäude, das der junge Schinkel 1800–1802 unweit von Neuhardenberg gebaut hat, sondern um das Drumherum. Denn der Zweckbau auf dem Vorwerk des Gutes Quilitz wirft einige Rätsel auf. Warum entstand er in Gestalt einer frühchristlichen Basilika? Ließ sich der junge Architekt von den konservativen Adelsfamilien wie denen von Prittwitz oder von der Marwitz instrumentalisieren? Und was hatte das alles mit der Milchproduktion zu tun?

Das Molkenhaus in Bärwinkel ist das zweite Gebäude, das Karl Friedrich Schinkel (1781–1841) entwarf. Das erste Gebäude des preußischen Baumeisters war der Pomonatempel auf dem Potsdamer Pfingstberg.

Berühmte Berliner Gebäude von Schinkel sind die Neue Wache und das Schauspielhaus (1818), die Friedrichswerdersche Kirche und das Alte Museum (1824) sowie die zerstörte Bauakademie (1831).

Der Förderverein Bärwinkel betreibt seit 2006 eine Dauerausstellung in Schinkels Molkenhaus. Es ist von März bis Oktober am Freitag von 15 bis 18 Uhr und am Wochenende von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Eintritt 5 Euro.

Mehr Informationen: www.foerderverein-baerwinkel.de (wera)

Zumindest Letzteres kann Frank Augustin schnell erklären. „Milch trinken war damals Mode. Die Adligen trafen sich auf dem Lande, deklamierten Rousseau und sein ‚Zurück zur Natur‘ und nippten an frischer Milch.“

So gesehen steht die Molkerei in Bärwinkel in einer Reihe mit der Meierei, die auf der Berliner Pfaueninsel entstanden ist und die zu den Lieblingsorten der Königin Luise gehörte. Um 1804 zählte man auf den adligen Gütern der Mark bereits 116 Meie­reien.

Schinkel und die DDR

Und die anderen Fragen? Da muss Frank Augustin weit ausholen, bis hin zu seinem Architekturstudium in den siebziger Jahren. Damals war er auf einer Exkursion zum Thema Landschaftsgärten in der DDR unterwegs. „Unser damaliger Professor hat gesagt, dass er uns noch etwas Besonderes zeigen will“, erinnert sich Augustin. „Also fuhr er mit uns in strömendem Regen nach Bärwinkel und sagte: Hier steht es, Schinkels erstes Hauptwerk.“

Von der Molkerei aus dem Jahre 1802 war freilich nicht mehr viel zu sehen. Schon um 1900 war das nördliche Seitenschiff aufgestockt und zu einem Wohnhaus umgebaut worden. Der Rest war verfallen.

Hinzu kommt, dass das Land 1948 im Rahmen der Bodenreform aufgeteilt wurde. „Eine der neuen Grundstücksgrenzen führte mitten durch Schinkels Molkerei“, sagt Augustin. Zwar gab es 1981 die erste große Schinkelausstellung in der DDR, und auch Schloss Neuhardenberg, wo Schinkel unter anderem seine klassizistische Dorfkirche baute, wurde in den achtziger Jahren saniert. Der wichtigste Frühbau des preußischen Großarchitekten aber war in Vergessenheit geraten.

Doch dann kam die Wende, und Bärwinkel wurde für Frank Augustin zu einer Art Lebensaufgabe. Sowohl was die Forschung und die offenen Fragen angeht als auch die Rekonstruktion des umgebauten und vergessenen Molkenhauses.

Ein geheimer Tempel

„Das Ganze (ein Molkenhaus) hat die Form einer Basilika: ein Hochschiff und zwei niedrige Seitenschiffe“, schreibt Fontane in seinen „Wanderungen“ über Schinkels Frühwerk. „Wenn aber eine Basilika die prachtvolle breite Giebelwand nach vorne stellt, und dieselbe als Portal benutzt, so hat Schinkel bei diesem Bau das umgekehrte Arrangement getroffen.“

Die Giebelwand war also eine Schauwand, und der Eingang zum Molkenhaus befand sich dort, wo bei einer Basilika die Apsis ist. „Schinkel hat mit den Formen gespielt, das konnte er gut“, sagt Frank Augustin. Außerdem passte das Versteckspiel auch zur Nutzung. Denn neben der Milchproduktion sollte die Molkerei ein Treffpunkt konservativer Adliger werden, um Pläne gegen den König und die Idee der Bauernbefreiung zu schmieden. „Politikgeschichtlich betrachtet, ist das der Anfang des organisierten Konservatismus in Preußen“, sagt ­Augustin.

Doch das war 1809 vorbei. General von Prittwitz, der Quilitz samt dem Bärwinkel bekommen hatte, weil er im Siebenjährigen Krieg Friedrich den Großen gerettet hatte, gab das Gut an die Krone zurück. Denn inzwischen waren auch die Bauern aufmüpfig geworden. Ab 1815 gehörte das Gut dann dem preußischen Reformer und Staatsminister Hardenberg – und aus Quilitz wurde Neuhardenberg. Im Salon wurden nun keine reaktionären Reden mehr geschwungen, es wurde nur noch Milch getrunken.

Stein für Stein

Von Schinkel selbst ist über seine Molkerei wenig überliefert. Allerdings wissen wir von dem Kunsthistoriker Gustav Friedrich Waagen, der 1844 über Bärwinkel schrieb, dass er die Molkerei von seinen frühesten Bauten als das „erheblichste“ sah und auch „von eigenthümlicher Anlage“.

Das betrifft auch das Material. „Schinkel verwendete sogenannten Raseneisenstein, der nach der Trockenlegung des Oderbruchs unter der Grasnabe zu finden war“, weiß Frank Augustin. Als sich der Berliner Architekt nach 1990 daranmachte, Fördermittel zu akquirieren und das Molkenhaus zu rekonstruieren, durfte nur dieser Stein verwendet werden. Denn inzwischen wacht auch der Denkmalschutz über das Kleinod bei Neuhardenberg.

Bald war die erste Etappe geschafft. Inzwischen blickt Augustin auf zehn Jahre Dauerausstellung über Schinkels Frühwerk in der Molkerei zurück. Nur der Nordflügel blieb bislang von den Restaurierungsarbeiten ausgespart. Der nämlich gehört wegen der Grundstücksteilung 1948 immer noch einer Familie, die in dem aufgestockten Teil des nördlichen Seitenschiffs lebt. „Aber ohne diese Familie könnten wir den Ausstellungsbetrieb gar nicht stemmen“, sagt Frank Augustin. „Denn sie schließen die Molkerei an den Wochenenden für die Besucher auf.“

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