■ Scheibengericht: Jaipur Kawa Brass Band
Fanfare Du Rajasthan (Kardum/Iris Musique KAR 077)
Die Blaskapelle war einer der erfolgreichsten Exportartikel Europas im letzten Jahrhundert. Der Kolonialismus bildete das System, durch das sich die Blechmusik über den ganzen Globus verbreitete. In den unterjochten Ländern wurden die Militärkapellen nicht selten zur „Musikschule der Nation“, wo Einheimische das musikalische Handwerk erlernten. Meist wurde jedoch das europäische Muster nicht einfach kopiert, sondern den traditionellen Stilen angepaßt.
Mit der englischen Kolonialmacht kam die Blasmusik nach Indien. In Kalkutta kam die erste Band im Jahr 1760 an, um für die Unterhaltung der Armee und für die musikalische Umrahmung militärischer Aufmärsche zu sorgen. Im 19. Jahrhundert verbreiten sich die Blaskapellen über den ganzen indischen Subkontinent, wo sie sich bis heute ungebrochener Beliebtheit erfreuen. Bei Hochzeiten, Tauffesten, religiösen Prozessionen und Staatsfeierlichkeiten spielt Blechmusik eine Hauptrolle, weil sie bei Umzügen selbst im lautesten Straßenverkehr noch zu hören ist. In Jaipur, der Hauptstadt des Bundesstaats Rajasthan, gibt es an die hundert Blaskapellen, die in den Büros eines Musikbazars gebucht werden können. Für das Sozialprestige ist eine Blechmusik von solcher Bedeutung, daß manche Braut ihr Heiratsversprechen mit der Verpflichtung einer namhaften Blaskapelle für das Hochzeitsfest verband.
Die Jaipur Kawa Brass Band ist eine Art „All Star Band“ mit den besten Musikern der nordindischen Millionenstadt, die Schlager, traditionelle Tanznummern und beliebte Filmmelodien auf zupackende Weise intonieren. Der schmetternde Klang des vielstimmigen Blechs entfaltet eine ungeheure Wucht, dessen Wirkung von prasselnden Trommelwirbeln in Tabla-Manier noch erhöht wird. Man kann in dieser Art indischer Heavy-Metal-Musik eine der wenigen „Errungenschaften“ des Kolonialismus sehen.
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