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Schaubühne Pop zwischen Wut und Zärtlichkeit

Das Duo LISÆ macht Musik mit klar linker Haltung: Es geht um Queerfeminismus, Antifaschismus, Antikapitalismus. Vergangene Woche begeisterten die beiden Musikerinnen mit ihrer ersten eigenen Show in Tübingen.

Konzertbesucher:innen entern die Bühne: LISÆ am 10. April im Tübinger Club Voltaire. Foto: Jens Volle

Von Elias Raatz

Der Bass lässt die Wände des Club Voltaire vibrieren, als LISÆ am 10. April um kurz nach 21 Uhr mit einem energiegeladenen Intro in ihre Show starten. Kein großes Setup, kein aufwendiges Bühnenbild, trotzdem ist sofort klar: Dieser Raum gehört ihnen. Wenige Sekunden später tanzt nicht nur die erste Reihe mit. Ganz hinten wippt jemand so heftig mit dem Kopf, als hätte er den Beat längst überholt. Stillstehen ist an diesem Abend keine Option. Es ist die erste eigene Show von LISÆ in ihrer Wahlheimat Tübingen, mindestens 35 Konzerte sollen es in diesem Jahr werden. „Für uns einer der Top-Auftritte dieses Jahr“, sagen sie während des Auftritts. Und es wirkt nicht wie ein Satz, den man halt sagt. Dafür ist zu viel Energie im Raum, zu viel Nähe, zu viel von dem, was diese Band ausmacht.

LISÆ, das sind Lise und Lisa (beide 26), die sich in ihrer Kindheit im Chor kennenlernten, damals mit klassischer Gesangsausbildung, Wettbewerben und Auszeichnungen. Seit Januar 2025 stehen sie mit ihrer eigenen Musik zwischen Pop, Rap und Indie auf der Bühne. Zwischenzeitlich konnten sie sich in der linksalternativen Musikszene der Region und auch weit darüber hinaus etablieren. Gegen Ende dieses Jahres planen LISÆ den Release ihres ersten Albums. „Wir sind inzwischen seit achtzehn Jahren beste Freundinnen“, erzählen sie vor dem Konzert gegenüber Kontext. Vielleicht erklärt genau das, warum diese Band nicht wie irgendein Projekt wirkt, sondern eher wie etwas natürlich Gewachsenes.

Musikalisch sind LISÆ schwer einzuordnen. Mal dominieren eingängige Pop-Melodien, dann wieder drängt Rap nach vorne, dazwischen viel Deutsch-Indie oder auch elektronische Einflüsse. Eine Konstante gibt es: die Haltung. Ihre Songs sind wütend, witzig und gleichzeitig empowernd – ein Soundtrack für alle, die genug haben von gesellschaftlichen Ungleichheiten. LISÆ verstehen sich als Teil einer aktivistischen Bewegung, in ihren Texten behandeln sie Queerfeminismus, Klimagerechtigkeit und Kapitalismuskritik. Nicht als Zusatz, sondern als Grundlage.

Mehr als nur Musik

Das schlägt sich auch beim Konzertablauf nieder, der Abend im Club Voltaire beginnt nämlich nicht mit Musik: Zuerst stellen sich drei lokale Initiativen vor, die im Raum Infostände aufgebaut haben. Etwa der vor rund zwei Wochen neu eröffnete Bunte Buchladen in der Tübinger Bursagasse, der dort auf den Frauenbuchladen Thalestris folgt. Ein bewusst gesetzter Rahmen, der zeigt, dass es LISÆ um mehr als „nur“ Musik geht. Das Publikum ist jung, überwiegend weiblich. Die Stimmung ausgelassen, vorfreudig. Hier ist etwas entstanden, das sich wie ein Safe Space anfühlt. Ein Raum, in dem Wut laut sein darf, aber auch Zärtlichkeit nicht leise sein muss.

Als Vorband eröffnen Die Arschlöcherinnen aus Nürnberg mit einer beinahe avantgardistischen Punk-Rap-Pop-Performance, bei der neben dem albernen Humor die wichtigen Messages nicht unter den Tisch fallen. „Ich muss niemandem gefallen, dann gefall‘ ich mir nur selbst“, singen sie selbstbewusst. An diesem Abend gefallen sie aber auf jeden Fall sehr gut und verlassen die Bühne nach rund einer dreiviertel Stunde unter tosendem Applaus. An diese Arschlöcherinnen-Energie knüpfen LISÆ nahtlos an, die sich sicherlich auch auf größeren Bühnen wohlfühlen würden. Beide Sängerinnen nutzen beinahe jeden Zentimeter der vier auf drei Meter großen Bühne für ihre energiegeladene Performance aus. Über das ganze Konzert hinweg schaffen sie es, ihr Publikum immer wieder einzubinden und zum Mitsingen, -tanzen oder -rufen anzustacheln. „Ja, wir machen Krach, lassen uns nichts sagen“, heißt es auch in ihrem bisher bekanntesten Song „Wir sind wieder wach“, der bereits innerhalb der ersten fünf Minuten ihres Bühnenauftritts für erste Wellen der Ekstase unter den Zuschauenden sorgt.

Wut als Ausgangspunkt

Zwischen den Songs erzählen Lise und Lisa von sich, von ihrer Band, von ihren Erfahrungen. Sie wirken nahbar, fast so, als gäbe es keine klare Trennung zwischen Bühne und Privatperson. Die Kunstfigur LISÆ scheint nicht weit entfernt von den beiden selbst. Ihre politische Haltung ist kein Anstrich, was während des Konzerts deutlich zu spüren ist. Politische, empowernde und feministische Botschaften gehören zum Konzertablauf genauso selbstverständlich wie die Performance der einzelnen Songs: „Du nennst dich Querdenker / Ich bin ‚ne Queer-Denkerin.“

„Unsere Reise im Feminismus begann mit sehr viel Wut.“ Eine Wut auf Strukturen, auf Ungleichheiten, auf ein System, das bestimmte Menschen systematisch benachteiligt. Wut, die sie in Musik übersetzen. Songs wie „abgefuckt“ verarbeiten den Umgang mit toxischen Beziehungen, insbesondere mit narzisstischen Männern. Andere Tracks wie „Birkenstock & Patagonia“ nehmen performativen Feminismus ironisch auseinander, also Männer, die Haltung eher tragen als leben.

Doch LISÆ bleiben nicht bei der Wut stehen. Ihre Musik bewegt sich bewusst zwischen Gegensätzen. Der Song „Sommernachtgewitter“ erzählt von Freundschaft, von Nähe, von kollektiver Stärke. Für einen Moment setzt sich das gesamte Publikum auf den Boden, Handylichter gehen an. Andere Songs wie „Veilchen“ greifen Gewalt gegen Frauen auf. Schmerz und Trauer stehen hier neben der Wut, die sich nicht mehr unterdrücken lässt. „Fühlt mit uns“, sagen sie vor dem Song, was sich wie ein Angebot und zugleich wie eine Aufforderung anhört.

Stoßrichtung in „Eat the Rich“. Darin zeichnet das Duo eindrückliche Bilder von Reichtum und Ungleichheit, stellt Milliardenvermögen hungernden Menschen gegenüber und bringt die antikapitalistische Haltung auf den Punkt.

Lise und Lisa (von links) beim Kontext-Gespräch. Foto: Jens Volle

Erfahrung und Entwicklung statt Profit

LISÆ treten häufig in politischen Kontexten auf, bei CSDs, Demonstrationen, queerfeministischen Veranstaltungen. Im Januar standen sie im Stuttgarter Gewerkschaftshaus beim Wahlkampfauftakt der Linken auf der Bühne. Räume, in denen sie nicht erklären müssen, wofür sie stehen, wie im Club Voltaire. „Wir haben uns am Anfang vor allem selbst in ‚safer spaces‘ gebucht“, erzählen sie. Doch nicht immer, und mit ihrer linken Haltung ecken sie auch an. Auf einem Stadtfest etwa verließ ein Teil des Publikums den Platz, als sie einen Anti-AfD-Song angestimmten.

Bei der Frage, ob sie lieber vor Gleichgesinnten spielen oder auch bewusst in widersprüchliche Räume gehen, kristallisiert sich die erste und im weiteren Gespräch auch einzige Meinungsverschiedenheit der beiden heraus. Für Lisa wäre ein Auftritt, bei dem nur Gegenwind kommt, „wie Selbstverletzung“: „Wir setzen inhaltlich auf einem so hohen feministischen Niveau an, dass ich gar nicht den Anspruch habe, Leute ‚zu erziehen‘. Dafür finde ich Social Media fast geeigneter, weil man dort mehr Menschen algorithmisch erreicht.“ Anders Lise, die eher die proaktive Auseinandersetzung sucht: „Ich will Dinge verstehen, und ich wünsche mir, dass andere Menschen Dinge hinterfragen. Wenn jemand eine durchdachte andere Position hat, kann ich damit leben. Aber wenn etwas gar nicht reflektiert ist, habe ich durchaus diesen aktivistischen Impuls, Leute zum Denken bringen zu wollen.“

Einig sind sich LISÆ dann wieder bei ihrem Umgang mit der Musikindustrie. Sie wollen sich bestmöglich der kapitalistischen Verwertungslogik von Kunst und Kultur entziehen. Erfolg messen sie nicht in Zahlen oder Einnahmen, sondern in Entwicklung, Beziehungen, Erfahrungen. Ihnen geht es nicht um Profit, sondern darum, dem eigenen Gefühl des Andersseins einen Raum zu geben und sich nicht anzupassen. Was ihnen früher teilweise unprofessionell vorkam, verstehen sie heute als ihre Stärke.

„Ganz Tübingen hasst die AfD“

Politischer Protest: LISÆ im September 2025, als Tübingens OB Boris Palmer den AfD-Spitzenkandidaten Markus Frohnmaier zum Streitgespräch lud. Foto: Julian Rettig

Im Club Voltaire tanzt, singt und schreit das Publikum mit den beiden Sängerinnen auf der Bühne mit. Immer wieder entstehen kollektive Momente: gemeinsame Choreografien, Mitsing-Parts, Demorufe gegen Faschismus, natürlich bildet sich ein Moshpit und beim letzten Song gibt es sogar Stagediving. Als Zugabe singen alle gemeinsam: „Ganz Tübingen hasst die AfD.“

Was bleibt, nachdem der letzte Song gespielt wurde, lässt sich schwer in Worte fassen. Vielleicht ist es dieses Gefühl, nicht allein zu sein. Vielleicht ein bisschen Mut. Vielleicht auch einfach die Erkenntnis, dass wir selbst Räume entstehen lassen können, in denen andere Regeln gelten. LISÆ schaffen solche Räume: nicht perfekt, nicht abgeschlossen, aber spürbar. Oder, um es mit ihren eigenen Worten zu sagen: Sie sind „radikal ehrlich, zärtlich laut, politisch poetisch“. Für diesen Abend in Tübingen eine treffende Beschreibung.

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