Schaubühne: „Ich werde Deutsch“
Deutsch sein ist nicht schwer, Deutsch werden dagegen sehr: Maziar Moradi hat Menschen nach ihren Problemen dabei gefragt. Und aus ihren Geschichten großartige Fotos gemacht. Gleichfalls einen Blick in fremde Welten bietet die parallele Schau „Fragile Träume – Fotos aus dem Orient“ von Katharina Eglau.
Von Dietrich Heißenbüttel
Eine Frau, schwarze Abendgarderobe, Spaghettiträger, nähert sich einem Flügel und streckt die Hand danach aus. Wenn das Instrument mit den weißen Tasten auf dem warmen, rötlichen Parkettboden für die deutsche (Hoch-)Kultur steht, scheint sie fast am Ziel, aber noch nicht ganz angekommen. Das Bild, das die Ausstellung des Fotografen Maziar Moradi im Ulmer Stadthaus einleitet, könnte den Titel illustrieren: „Ich werde deutsch“.
Eine junge schwarze Frau sitzt in einer Wand von Käthe-Kruse-Puppen. Hätte sie gern solche Puppen gehabt? Oder hat sie sich nach einer helleren Haut gesehnt, um nicht aufzufallen? Die Geschichte ist eine andere: Jenny ist in Hamburg geboren. Im Alter von fünf Jahren schickte ihre Mutter sie zu ihrer Großmutter nach Ghana. Als sie nach Jahren zurückkehrte, hatte sie die deutsche Sprache verlernt. Weil ihre Mutter zu viel zu tun hatte, kam sie in eine Pflegefamilie, in der sie sich nicht sehr wohl fühlte. Später erfuhr sie, warum: Die Tochter der Pflegeeltern hatte sich gewünscht, dass ihre schwarze Puppe lebendig würde. Als Objekt, als lebende Puppe war sie in die Familie aufgenommen worden, nicht als Mensch.
Warum müssen Menschen „mit Migrationshintergrund“ erst deutsch werden, auch wenn sie in Deutschland geboren sind? Wieso spricht man in Deutschland von Türken dritter Generation, während jede:r, der oder die in die USA einwandert, als First-Generation American gilt? Es ist ein ständiger Makel, nicht dazuzugehören, sich beweisen zu müssen, ausgegrenzt zu werden. Moradi, der im Alter von zehn Jahren aus dem Iran nach Deutschland kam, hat das selbst erlebt. Und er hat viele, denen es auch so geht, nach ihren Erfahrungen gefragt.
Moradi hat an der Hamburger Hochschule für angewandte Wissenschaften (HAW) studiert und wäre eigentlich gern Filmregisseur geworden. Doch Film ist aufwendig, braucht viel Zeit, Fördermittel, ein großes Team. Als sich seine Familie wegen eines runden Geburtstags in Hamburg versammelte, fragte er sie nach ihren Erlebnissen in der Iranischen Revolution und dem anschließenden achtjährigen Iran-Irak-Krieg. Er kondensierte ihre Erzählungen zu großen Standbildern. So entstand seine Abschlussarbeit „1979“.
Eine eingebildete Gemeinschaft
Die Serie „Ich werde deutsch“ schließt daran an. Sie ist über Jahre hinweg entstanden. Nicht alle Geschichten, die Moradi zu hören bekam, hat er zu Fotos verdichtet. Und nicht alle Fotos, die in der Ausstellung zu sehen sind, brauchen wie das Bild von Jenny eine Erläuterung. Ein Heft mit Texten liegt aus: Erzählungen – mal ganz kurz, mal zwei, drei Seiten. Sie korrespondieren aber nicht mit den Fotos. Bilder wie Texte lösen ein Kopfkino aus. Das ist Moradis Talent.
Ein Mann in einem gutbürgerlichen Wohnzimmer – gepolsterte alte Stühle, ein Kronleuchter, an der Wand eine dunkle Buddha-Maske – steht leicht vorgebeugt hinter einem Tisch mit einer überquellenden Obstschale. Er greift sich an den Kopf, in der linken Hand, nicht am Ohr, ein cremefarbenes Handy. Eine etwas jüngere, blonde Frau geht nach rechts aus dem Bild, ein gefülltes Rotweinglas in der Hand. Was ist passiert? Eine Szene wie aus einem Film, sehr bewegt, auch wenn sie gestellt ist. Moradis Vorbild ist Martin Scorsese. Er probt lange mit den Menschen, deren Geschichten er darstellt.
Was in den Texten des Readers zum Vorschein kommt, ist megapeinlich, schlicht abstoßend oder zum Brüllen komisch wie die Erzählung eines jungen Syrers, der – keine zwei Monate in Deutschland – für eine gute Freundin als Aktmodell einspringt. Die Geschichten erzählen ebenso viel über die Deutschen wie über die Migrant:innen und Kinder von Einwander:innen, die sie vortragen: über Vorurteile, den Unwillen, die „anderen“ zu integrieren.
Wie wird man deutsch? Wann ist man deutsch? Nationen sind laut dem US-amerikanischen Politikwissenschaftler Benedict Anderson „Imagined Communities“, eingebildete Gemeinschaften, die sich, von wenigen Ausnahmen wie der Schweiz oder Belgien abgesehen, durch die Sprache definieren. Kaum etwas sonst verbindet uns Deutsche mit den meisten unserer rund 80 Millionen Mitbürger:innen. Trotzdem werden Unterschiede gemacht: unabhängig von der Sprachkompetenz oder Staatsangehörigkeit, nach Äußerlichkeiten wie Hautfarbe oder Kopftuch.
Extrem wichtig kann für Zugewanderte die Staatsbürgerschaft sein. Dies illustriert ein zweites Foto, das von einem Text kommentiert wird. Zu sehen ist ein Arzt in Blau mit Haube und Mundschutz am leeren OP-Tisch, ein Dokument in der Hand. Der Mann hat in Harvard studiert. Um dorthin zu gelangen, hatte er alles in die Wege geleitet, nur das Visum ließ auf sich warten. Schließlich hat es geklappt, weil er einen deutschen Reisepass vorweisen konnte.
„Und immer noch schaue ich meinen Reisepass gerne an“, bekennt er, „ich mag die rote Farbe mit der goldenen Schrift und wenn ich ihn vorzeige, damit reise und ihn als Eintrittskarte benutze, bin ich stolz und dann erinnert es mich an das Lied von Sean Kingston.“ Es folgt ein Ausschnitt aus dem Text des Lieds „Take You There“ des jamaikanisch-amerikanischen Rappers, das für den Arzt darauf hinausläuft, überallhin reisen zu können.
Drei Ausstellungen in einer
Dieses Privileg haben nur diejenigen, die den richtigen Pass vorweisen können. Wer vor Krieg, Hunger, politischer Verfolgung oder wirtschaftlicher Not flieht, wird zunächst einmal in Quarantäne gesteckt. So zumindest wirken die Behausungen, in denen Geflüchtete untergebracht werden: eine Art Zwischenstation, ein Niemandsland, bevor sie eventuell einmal deutsch werden können.
In einer zweiten Serie „Ich werde deutsch. Der Anfang“ hat Moradi in der sogenannten Flüchtlingskrise 2015/16 solche Unterkünfte aufgenommen, streng frontal, ohne Menschen. Dazu hat er an die Einrichtungen Fragebögen verteilt: Wie wurde das Gebäude ursprünglich genutzt? Wie viele Menschen können hier untergebracht werden? Wie viele Familien, wie viele Kinder, wie viele Zimmer gibt es? Auch eine Unterkunft in Stuttgart ist dabei: eine Sporthalle vor Weinbergen. 120 Menschen hausten dort, nur durch Folien voneinander getrennt und von einem Catering-Service versorgt.
„Wieso tun wir so, als ob Migration etwas völlig Unerwartetes, Überraschendes sei?“, fragt Daniela Yvonne Baumann, die Kuratorin der Ausstellung. „Seit dem ersten Gastarbeiter-Anwerbeabkommen 1955 sind ständig Menschen nach Deutschland gekommen. Jede:r Dritte hat das, was wir einen Migrationshintergrund nennen.“ Baumann, die schon viele Fotoausstellungen kuratiert hat, muss es wissen: Sie arbeitet hauptberuflich für den Alb-Donau-Kreis, der zurzeit wieder händeringend nach Unterkünften sucht, diesmal vor allem für Menschen, die aus politischen Gründen aus der Türkei geflohen sind.
Die Ausstellung ist Teil einer Trilogie zu verwandten Themen, die nacheinander eröffnet haben, aber alle bis Mitte Juni laufen. Die zweite zeigt Aufnahmen von Katharina Eglau, der Frau des vor drei Jahren verstorbenen Nahost-Korrespondenten Martin Gehlen, unter anderem aus dem Iran, Irak und Sudan. Die dritte von Paula Markert, die wie Moradi an der HAW studiert hat, beschäftigt sich mit der Mordserie des NSU. Von 2014 bis 2018, während die Untersuchungsausschüsse liefen, ist sie auf den Spuren des Mordtrios durch Deutschland gereist. „Wir glauben, dass es ziemlich viel Gesprächsstoff geben wird“, meint Karla Nieraad, die Leiterin des Stadthauses.
Zumindest eine der Geschichten, die Moradi in seinen Aufnahmen inszeniert, hat sich inzwischen weiterentwickelt. Zu sehen ist ein junger Mann, dessen krauses Haar sich in zwei Flügeln aus schwarzen Federn fortzusetzen scheint: vornübergebeugt, wie ein Engel, der gerade gelandet ist, vor einer Kirche aus dunklem Backstein. Die Geschichte ist, dass er von seinen Eltern zum Kirchgang gezwungen wurde und inzwischen flügge geworden ist. Bei dem Backsteinbau im Hintergrund handelt es sich um die Bugenhagenkirche in Hamburg-Barmbek, die seit zwanzig Jahren nicht mehr als reguläre Kirche dient und seit drei Jahren Afrotopia beherbergt, die nach eigenen Angaben „erste Denk- und Kulturfabrik der Schwarzen Community in Hamburg“.
Die drei Ausstellungen laufen bis 16. Juni; das Ulmer Stadthaus ist montags bis samstags von 10 bis 18 Uhr, donnerstags bis 20 Uhr und sonntags von 11 bis 18 Uhr geöffnet; der Eintritt ist frei.
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