Sanssouci: Nachschlag
■ Europapremiere der Ein-Mann-Show „Riverun“ aus Montana in Kreuzberg
Michael Devine ist so eine Art Minnesänger. Mit einer Gitarre um den Hals und zwei speckigen Jacketts als Requisiten ist er von Montana hierhergereist, um im Theater Freunde der Italienischen Oper seine Ansichten über Gott und die Welt kundzutun. In Liedern und Erzählungen spricht er über Liebe und Politik wie einstmals der große François Villon. „Everybody wants to tell me, what I should do. Everybody wants to tell me something about you“, singt er. Diese Worte könnten Auflehnung bedeuten, Befreiung von – wie auch immer gearteten – Zwängen. Aber ach: Devines Auflehnung gegen alles und nichts scheint unbegründet und wirkt zuweilen reichlich pubertär. Warum er glaubt, daß gerade seine Schilderung der Zwänge, seine Sicht der Dinge für andere Ohren und Augen bedeutungsvoll sein könnten, bleibt in der Ein-Mann-Show „Riverun“ völlig schleierhaft.
In der ersten Hälfte des Abends erzählt Devine mit altväterlichem Charme von seinen ersten Liebeserfahrungen. Mehr als eine Plauderei aus dem Nähkästchen ist das allerdings nicht. Die Gesten, mit denen er die Kurven seiner Freundin beschreibt, sind auch nicht gerade so, daß weibliche Herzen vor Eifersucht erzittern – wie er sicher hofft. Irgendwie hat man seit Jack Kerouac diese ganze selbstherrliche Macho-Scheiße, diesen männlichen Blick auf Liebe und all das zutiefst satt. Dazu kommt ein eher schlicht gestrickter Witz. So war in der Vorankündigung von Shakespeare-Adaptionen die Rede. Kann sein, daß denen, die keine Native speaker sind, die wahren Feinheiten des Abends entgehen. Was aber alle verstehen, sind Floskeln wie „to me or not to me“. Selten so gelacht. Die Witze von Devine haben Bärte, die mindestens so lang sind wie sein eigener.
In der zweiten Hälfte des Abends geht er dann zu allgemeineren Themen über. Jetzt erzählt er vom Leben in der Wildnis als Farmer und Trapper. Mit leise plätschernder und brachial aufbrausender Stimme ahmt er den Lauf von Flüssen nach und imaginiert Lebensformen in der Einsamkeit der Natur. Devines Familie lebt seit der Jahrhundertwende in der Wildnis von Montana. Und er selbst hat eine ungebrochene Zurück-zur-Natur- Ideologie, die er uns mit seinen Erzählungen verkaufen will. Dabei ist er aber selbst so fossil, daß man ihm eigentlich gar nichts abnehmen kann.
In der Einsamkeit der Rocky Mountains hätten die Lieder zur Klampfe wahrscheinlich sämtliche nostalgischen und sentimentalen Gefühle getroffen. Aber hier, in den Kulissen eines Kreuzberger Off-Theaters, sind gerade die folkloristischen Lieder mit dem Wild-West-Gehabe einfach daneben. Am Anfang waren die Country-Songs als Intermezzi ja noch eine nette Abwechslung. Aber da sie ausnahmslos im Dreivierteltakt daherkamen und einander ansonsten auch sehr ähnelten, wartete man eigentlich bald nur noch auf das Ende. Christine Hohmeyer
„Riverun“ von Michael Devine, noch bis 2. 10., täglich außer Montag, 20.30 Uhr, bei den Freunden der Italienischen Oper, Fidicinstraße 40, Kreuzberg
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