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SanssouciVorschlag

■ „Quotations from a Ruined City“ im Hebbel Theater

Drei Pärchen tanzen im Vorgarten eine Art Boogie im Zeitraffer. Sie tragen Ganzkörperbandagen und an den Füßen so etwas wie medizinische Mokassins, die lassen die schnellen Schrittchen lächerlich plump erscheinen. Später kommt eine Krankenschwester an den Gartenzaun, sagt „Sarajevo“ und ißt eine Banane. Und zwei Männer in Halskrause und schwarzem Rock wechseln beim Sprechen ständig ihre Plätze an der Rampe, und wenn einer schweigt, vollführt er eine fahrige Pantomime mit den Händen. Die reine Geschäftigkeit herrscht hier: Auch wenn zwei aufeinander einprügeln oder einer gefesselt ist, läßt das Tempo nicht nach, und immer wieder löst sich das Geschehen refrainartig in Show- oder Musical-Parodien auf. Das alles ist sehr lustig, doch das Publikum von Reza Abdohs neuester Theaterproduktion zeigte bei der Berliner Premiere kaum eine Reaktion. Pietät lag von Anfang bleischwer über den spärlich besetzten Reihen, schon lange bevor zwei der Darsteller mehrfach in den elektrischen Zaun rannten, der das Parkett von der Bühne trennte, und dann in einem weißen Lichtblitz symbolisch verbrannten.

Reza Abdoh, der dreißigjährige, in Teheran geborene und an Aids erkrankte Regisseur, zeigt mit seiner Gruppe Dar a Luz aus Los Angeles „Zitate aus einer zerstörten Stadt“, die ein Irrenhaus ist, die Innenansicht eines zivilisationszerstörten Geistes oder einfach eine Metapher für Krankheit schlechthin. Bandagen und Halskrausen werden irgendwann vertauscht mit Pfadfinderkostümen, mit grünen OP-Kitteln, manche treten nackt auf. Auf zwei Videoleinwänden flackern Pornos oder Bilder von trampolinspringenden Mädchen, einmal stehen die Pfadfinder aufgereiht und singen, während zwei nackte Männer kopulieren. Der schnellgesprochene englische Text ist zuweilen kaum zu verstehen, aber eine deutsche Übersetzung wurde einem in die Hand gegeben. Zynisch, traurig und poetisch handeln die Zeilen von Krieg, Wahnsinn, Krankheit und Tod; ihre Brutalität kontrastiert das pornographisch angehauchte Comical auf der Bühne, das nur selten in Szenen der Zweisamkeit zur Ruhe kommt.

Das Ganze wirkt unglaublich vital, oberflächlich zuweilen und doch selbstverständlich. Abdohs Bilder sind fern von einer Wilsonschen Esoterik, sein Slapstick hat nichts mit Castorfs Situationsexzessen zu tun. Das spult sich ab in seiner ganzen Traurigkeit und hat absolut nichts Suggestives: Auch wenn am Ende der Stacheldraht demontiert wird, bleiben die auf der Bühne für sich. Es ist vorstellbar, daß alles wieder von vorn beginnt, wenn sich der Zuschauerraum geleert hat – ein Ritual. Diesen Eindruck verstärkt, daß stellenweise playback agiert wird. Und am Ende gibt Dar a Luz den Applaus gleich zurück, klatscht dem Publikum, dessen regungslose Andacht, von der Perspektive der Bühne aus gesehen, wie die eigentliche Performance des Wahnsinns wirken mußte. Petra Kohse

Heute, 20 Uhr, Hebbel Theater, Stresemannstr. 29, Kreuzberg

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