Sanssouci: Vorschlag
■ Pop-Wissenschaft: Videos von Dan Graham im Bethanien
Mit „Rock My Religion“ faßt Dan Graham eine Sozialgeschichte des Rock 'n' Roll auf 55 Minuten Videofilm zusammen. Die proletarischen Siedlergemeinden der Shaker tanzten ihn zuerst, bildeten schon im 18. Jahrhundert dichtgedrängte Kreise, ersetzten die Kirchenorgel der Puritaner durch die Gitarre und schrien „Shake! Shake! Shake!“. Oder waren es doch indianische Ureinwohner, deren Circle Dance die Christengemeinde übernahm? Mit dem Camcorder bereist Graham die musealen Überreste der Shaker-Siedlungen und stöbert ihre Nachfahren auf. Gläubige aller Altersstufen geraten in Ekstase, fassen sich an den Händen und klinken schweißgebadet voll religiösem Eifer aus.
Zugleich ist das Video eine Hommage an Patti Smith: Statt wie andere Jimi Hendrix vor der Bühne anzuhimmeln, stieg sie selbst aufs Podest. Spindeldürr, mit weißem Hemd, Krawatte und Banker-Hose war sie das androgyne Ebenbild von Mick Jagger. Ihre Gedichtzeile „Female. Feel male“ ist noch 25 Jahre später bei „Blumfeld“ präsent. Für Graham wandelt sich durch Patti Smiths spezifische „Männlichkeit“ nicht nur das Frauenbild: Indem er ihre Songs unter den Auftritt eines mit gestähltem Söldnerbody im Heer der Zuhörer badenden Henry Rollins legt, zielt die Kritik auch auf den Machismo expressiver Maskulinität.
Mit „Rock My Religion“ entwickelt Dan Graham das Genre des Cultural-Studies-Films. Sein gemeinsam mit Tony Oursler ediertes Montagevideo ist weder TV noch Videokunst, noch Dok-Film, sondern eine neue Form der Pop-Wissenschaft. Wie Musiker im Tonstudio kopiert und schneidet er das selbst aufgenommene oder gesammelte Material, mischt es und belegt es mit seinen kehligen Voice-Overdubs oder Sonic-Youth-Soundtracks. Die Schichten, Theoriesplitter und Zeitebenen bleiben dank der schwankenden Qualität und jeweiligen historischen Patina des Rohmaterials nachvollziehbar. Die schwarzweiß mitgeschnittenen Performance-Dokumentationen „Past Future Split Action“, „Performer/Audience/Mirror“ (Dan Graham erzählt vor dem Publikum, was er sieht, während der im rückwändigen Spiegel sichtbare Kameramann als zweiter Performer agiert) oder ein Konzertmitschnitt von „Minor Threat“ sind ohne den Griff zur Vorspultaste hingegen etwas quälend. Jochen Becker
Heute um 20 Uhr hält Dan Graham einen Vortrag in der HdK, Hardenbergstr. 33, Die Videos sind vom 16. bis 18.12. zu sehen, um 20 Uhr, im Künstlerhaus Bethanien, Mariannenplatz 2, Kreuzberg.
Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 180 Freiwillige, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen