Sanssouci: Vorschlag
■ Perepjolotschki - Russische Musik, made in Berlin
„Da hat eine Frau ihren Ehemann verkauft, gar nicht teuer, für ganze drei Groschen, und das ist ein guter Preis.“ Geschichten, die sich russische Bäuerinnen erzählen, wenn sie in ihren langen Kleidern vor ihren Holzhäusern tanzend singen. Jeweils montags erhebt sich dieser Gesang auch im Probenraum des Kirchenchores Schöneberg. Dann probt „Perepjolotschki“. Russische Dorfmusik in Berlin. Die Leiterin der Gruppe, Irina Brockert Aristova, ist die Tochter russischer Emigranten aus den USA und lebt seit 1971 in Deutschland. Die Mutter und die Großmutter waren Pianistinnen, auch Irina Brockert studierte Musik in Bloomington, in Indiana, und an der HdK Berlin. Fünfzehn Jahre lang machte sie in Berlin die Musik der hier lebenden Menschen: türkisch-iranische Musik und deutsches Musikkabarett.
Auf der Suche nach ihrem musikalischen Glück kehrte Brockert dann zu ihren Wurzeln zurück. Bei mehreren Urlaubsreisen durch die Heimat ihrer Eltern entdeckte sie die russischen Dorfgesänge. 1984 macht sie sich in Westberlin auf die Suche nach Sängerinnen für „Perepjolotschki“ und formiert eine Gruppe von Frauen, die zuvor weder gesungen haben noch ein Wort Russisch können. In mühevoller Kleinarbeit transkribiert sie die kyrillischen Buchstaben für ihre „Wachtelchen“ (dt. für Perepjolotschki) in phonetische Schrift. Oft sitzt sie die ganze Nacht hindurch, hört die Musik einer gerade erst aus Rußland eingetroffenen Kassette ab und arrangiert die Lieder für ihr Ensemble.
Die Lieder der Perepjolotschki sind poetische Lieder, die vom Leben der Frauen erzählen. Lieder über Hochzeiten und die Trauer darüber, daß die Tochter in eine fremde Familie zieht. Fröhliche Tanzlieder, freche Lieder. Lieder von der Familie, der Natur oder der harten Arbeit der Frau in Haus und Feld. Verschiedene Instrumente wie Akkordeon, Kontrabaß-Balalaika, Klarinette, Krummhorn, Trompete, Geige, Flöte und Hackbrett unterstützen den Gesang. Der Klang des Ensembles ist ungewöhnlich zupackend und intensiv. „Die Frauen singen mit kräftigen metallischen Stimmen ohne Vibrato. Wer auf dem Land groß wird und während der Arbeit draußen auf dem Feld singt, entwickelt ganz natürlich diese Gesangstechnik, die den Körper als Resonator verwendet und sehr weit trägt“, sagte Irina Brockert. Tatsächlich tönen die Lieder der „Wachtelchen“, als müßte der Gesang von einem ins andere Dorf reichen, um dort von den Sorgen und Sehnsüchten der Frauen zu künden.
Und während in den Dörfern und Städten Rußlands der tägliche Überlebenskampf, der nahe Krieg anhält, bekommen westliche ZuhörerInnen bei diesen Klängen eine Vorstellung davon, was mit dem Begriff „Russische Seele“ gemeint sein könnte – ein Konstrukt, das auf eine Idealvorstellung von Rußland verweist, die aufgrund der ständig zerrissenen politischen Verhältnisse dort so nie gelebt werden konnte. Eine Beschreibung für die Gastfreundschaft, die Herzlichkeit, Natürlichkeit der RussInnen ist es jedoch. Wieweit die instabilen politischen Verhältnisse und die fortschreitende Verwestlichung Rußlands sich auf die Kultur auswirken wird, wird sich zeigen. Traditionelle Gesänge wie die der Perepjolotschki sind dort ebenso vom Aussterben bedroht wie die Wachtelchen. Claudia Letz
Nächster Auftritt: Sonntag, 19.3., im Hackeschen Hoftheater, Rosenthaler Straße, Mitte
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