Sammelleidenschaft für Unterstände: Pilze mit Persönlichkeit

Berlin ist ein echter Hotspot der Wetterpilzkultur, weiß Klaus Herda. Auf Pilzsuche mit dem Mann aus Köln, der das Wetterpilzsammeln erfunden hat.

In grüner Berliner Parklandschaft ein Wetterpilz und darunter stehend Klaus Herda

Wetterpilz und Wetterpilzexperte: Klaus Herda im Lehnepark in Berlin Tempelhof Foto: Christian Mang

BERLIN taz | Berlins Parks sind zuletzt als Hotspots des illegalen Partywesens in die Schlagzeilen gekommen. Jüngst trieb der Feiernotstand Tausende in die Hasenheide, um sich ein wenig an Beats und sonst was zu berauschen. Vielleicht ja auch an Pilzen. Klaus Herda aus Köln weilte am Wochenende ebenfalls in Berlin. Die Party interessierte ihn nicht, Parks und Pilze schon. Der Mittfünfziger ist Liebhaber von Wetterpilzen, die unter anderem in Berliner Grünanlagen stehen. Er betreibt sogar eine Website, die sich den „surrealen Bauwerken“ als weithin unbekanntes Phänomen, und auch als Kulturgut, widmet.

„Berlin ist ein echter Hotspot der Wetterpilzkultur, eindeutig“, sagt Klaus Herda, und man kommt aus dem Staunen nun erst recht nicht raus. Wetterpilz? Hotspot? Dass Berlin ein Biotop für alle möglichen Groß- und Kleinstkulturen ist, für Freaks und schräge Vögel, ist ja hinlänglich bekannt. Aber Berlin ein spezielles Wetterpilzbiotop? Das verlangt dann doch nach Aufklärung.

Wetterpilze, erklärt Klaus Herda im Schatten eines solchen Exemplars im Lehnepark in Tempelhof, könnte man auch als Wetterschutzpilze bezeichnen oder, wie in Berlin üblich, schlicht als Pilz. Ganz fantasielos könnte man auch Unterstand sagen, denn dazu sind die Pilze gedacht. Sie sollen Flaneuren, Wanderern und anderen unterwegs befindlichen Menschen simplen Schutz vor Sturm und Regen bieten. Oder auch zum Pläuschen einladen, sofern der Pilzstamm vielleicht von einer kleinen Bank umrundet ist, wie im Lehnepark.

Die Unterstände: Selten verbindet ein Hobby so sehr urbanen Raum und abgelegene Natur wie das der Wetterpilz-Sammler. Wetterpilze sind sogenannte Staffagebauten, Unterstände für Wanderer und Spaziergänger, um sich gegen Regen zu schützen. Einen guten Überblick gibt es auf der von Wetterpilzsammler Klaus Herda eingerichteten Seite www.wetterpilze.de.

In Berlin: Im Sommer 2012 führte die erste Reise von Herda und weiteren Freunden des Wetterpilzes nach Berlin, das Heimat des wohl größten Wetterpilzes der Welt ist. Er steht in Frohnau. In Berlin gibt es angesichts der zahlreichen Grünanlagen eigentlich relativ wenige Wetterpilze, dafür einige von großer historischer Bedeutung. Prägend für Berlin ist auch die enorme Formenvielfalt.

„Wetterpilz ist ein tradierter Begriff aus meiner Heimat Köln, der gut seine Bestimmung klassifiziert. Außerdem fand ich keinen Begriff amtlicher Art“, sagt Klaus Herda. Dass es nicht mal einen amtlichen Begriff für das gibt, was der Mittfünfziger seine Leidenschaft nennt, ist ein weiterer Anhaltspunkt für die Exklusivität des Hobbys.

Tatsächlich sind es nur 20 bis 30 Leute im Lande, die regelmäßig den angeblich bizarrsten architektonischen Kunstwerken in unseren Natur- und Kulturlandschaften auf der Spur sind. Dagegen sind die sogenannten Groundhopper, die sich zu abgelegenen Fußballstadien in aller Welt aufmachen, eine Großcommunity. In den Stadien gibt es immerhin auch ein Fußballspiel zu sehen.

Aber was machte den Wetterpilz so spannend, dass sich eine eigene Fanbewegung entwickelte? Zunächst mal nichts, denn dem Gründer dieser Bewegung waren sie eher beiläufig aufgefallen, als er durch die Parks in seiner Heimatstadt Köln joggte. Dort standen lauter Wetterpilze aus verwittertem Nacktbeton, was den gelernten Chemiker und heutigen EDV-Mann zur Frage trieb: Warum wurde je so etwas Hässliches gebaut?

Klaus Herda und ein Wetterpilz Foto: Christian Mang

Er recherchierte und fand heraus, dass man in Köln nach dem Krieg etliche Wetterpilze aus Holz neben den Trümmerbergen aufgestellt hatte, die aber irgendwann abgefackelt wurden. Um die Parkanlagen ein wenig aufzuhübschen, wurden in den sechziger und siebziger Jahren fast 30 neue Wetterpilze in Fertigbauweise errichtet. Eine Absurdität für Klaus Herda, der fortan die Geschichte und ästhetische Vielfalt des Wetterpilzes genauer erforschte.

Dabei muss das Herz des früheren Chemikers berührt worden sein. „In der Chemie geht’s ja um Moleküle, Strukturen und Symmetrien“, so Herda. „Für mich ist der Wetterpilz ein natürliches Kulturelement in der Naturlandschaft mit einer besonderen Symmetrie. Die meisten Wetterpilze haben ein sechs- oder achteckiges Dach, aber es gibt auch welche mit total runden, kaum sichtbaren Ecken.“

Bei dem Pilz im Lehnepark finde er besonders schön zudem die Stahllamellen zur Stabilisierung der Unterkonstruktion. „Das gibt es nirgendwo sonst. Dieser Pilz ist ein echtes Unikat.“ Selbst die Schmierereien am inneren Metallhut würden ihn nicht stören. So sei halt die Natur, die menschliche Natur. „Manchmal entdecke ich auch Kritzeleien aus früheren Zeiten, Liebesschwüre oder Sprüche, die heute altmodisch klingen. Diese Details machen die Individualität aus. Der Reiz des Pilzes lebt aber auch von seiner Umgebung.“ Diese Parkanlage hier mit Teich und dem Pilz als kleinem Aussichtspunkt, so Herda, das habe schon fast was Feierliches.

„Jeder Pilz hat irgendwie eine eigene Persönlichkeit“, pflichtet ihm Ralf Roschinski bei, der zum Gespräch dazugestoßen ist. Er sei einer der eifrigen Berliner Pilzsammler, stellt Klaus Herda den Rentner aus Lichtenrade vor. Herr Roschinski ist eigentlich Geocasher, ein GPS-Schnitzeljäger. Bei diesem Tun hat er in den letzten Jahren auch ein paar Pilze entdeckt und sie Klaus Herda für seine Website gemeldet. Auf der sind bis jetzt über 700 Exemplare in Deutschland verzeichnet und auch etliche rund um die Welt.

Klaus Herda hat die Wetterpilzbeobachtung, seit er sie 2009 als ambitioniertes Freizeitvergnügen etablierte, inzwischen globalisiert. Er tauscht sich aus mit Gleichgesinnten in Holland und schreibt auch mal Heimatvereine in Polen oder Tschechien an, um mehr zu erfahren über die Wetterpilze, die ihm die Finder (oft sogenannte Mapper vom freien Geodatenprojekt Open Street Map) von dort meldeten.

Zuweilen nimmt das Entdecken skurrile Formen an. Manche Mitstreiter geben ihm Bescheid, wenn im Fernsehen etwa in einer „Tatort“-Folge zufällig ein Wetterpilz ins Bild gerät. Klaus Herda überlegt dann, ob er vom Sender einen Screenshot erbittet. Er ist auch davon überzeugt, dass irgendwann noch mal ein großer Pilz in einem Kinofilm inszeniert wird. „Die Zeit schreit danach, weil es etwas Originelles ist. Wo findet man das noch?“

Neben Köln vor allem in München, Dortmund, Münsterland und eben Berlin. 2012 hat der Rheinländer ein paar Expeditionen durch Deutschland unternommen und überall Pilze besucht, vermessen und fotografiert. Seither kennt er auch Berlin als eines der interessantesten Pilzgebiete, „stilistisch sehr heterogen“. In der Gartenstadt Frohnau stünden zum Beispiel zwei Riesenwetterpilze, darunter der größte der Welt, entworfen vor über hundert Jahren vom Architekten Carl Stahl-Urach. Der Standort heiße sogar Am Pilzplatz.

Tolle Exemplare gebe es auch am Jungfernheideteich und am Tegeler Flughafensee. Letzteres begeistert den Kölner nicht nur durch die exponierte Lage auf einem Steg, sondern durch die ziehharmonikaartige Formung des Dachs und eine Magie der Symmetrie. „Einmalig!“

Die poetischste Beschreibung der Anmut eines Wetterpilzes findet sich auf der Website von Klaus Herda: „Zwei Elemente, ein Stamm/ eine Säule und ein Dach/ ein Hut, beide an sich unspektakulär, sind im Pilz tänzerisch vereint.“ Passenderweise ergänzt von Gedichten, zu denen sich einige Pilzfreunde inspiriert fühlten. Skurriles erfährt man zudem über die Ursprünge des Wetterpilzes, die in die europäische Gartenkunst des 18. Jahrhunderts zurückreichen und im Kontext stehen mit den damaligen Entdeckerreisen in die Südsee unter anderem von James Cook. Die Adligen haben sich praktisch Kopien von exotischen Strandunterständen mit Strohdächern in ihre Schlossgärten bauen lassen. Nachgestaltetes Südseeinselflair, das sich 1795 in einem „otahitischen Schirmdach“ im Englischen Garten in München zeigte. Es gilt als ältester Beleg eines Wetterpilzes.

Voller Bewunderung ist Klaus Herda auch für den „Chinesischen Parasol“ im Neuen Garten von Potsdam, dieser Replik des historischen Paradiesvogels unter den Wetterpilzen mit palmettenartig verziertem Stamm und einer Spitze mit einer Ananasfrucht. Zusammen mit seiner Frau hat der Kölner das Berlin-Wochenende genutzt, auch diesem „Urwetterpilz“ einen Besuch abzustatten.

Man kann die ausgefallene Liebhaberei schräg finden, aber Klaus Herda ficht das nicht an. Er genießt seine eigene Entdeckerfreude sowie die imaginäre und reale Verbundenheit mit Gleichgesinnten. Denn, so schreibt er auf seiner Website: „Wetterpilze als Objekte eines globalen Stilprinzips sind ein weltweites Gesamtkunstwerk des Friedens und der demütigen Begeisterung für das Schöne auf der Welt.“

Deshalb träumt er von einer interkulturellen Zusammenkunft mit Wetterpilzbegeisterten rund um den Globus. Von Kunstprojekten wie „Guerilla Knitting“ (Stricken als Street Art), von Wetterpilzläufen und einem großen Wetterpilz-Bildband.

Eine Ausstellung gab es immerhin schon – in Köln, der Wetterpilzkulturhauptstadt.

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