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Säge lieber ungewöhnlich

Unser Autor hat drei Kettensägen bei sich zu Hause rumliegen. Das hat mit seiner Leidenschaft für seltene Horrorfilme zu tun

Von Denis Gießler

Drei blutbespritzte Kettensägen stehen in meinem Flur. Doch ich zersäge damit keine Menschen. Das könnte ich auch gar nicht. Es sind nämlich keine echten Kettensägen, sondern Nachbildungen aus Plastik, die seltenen Film­edi­tionen beiliegen. Sie sind mehrere Hundert Euro wert und mein Notgroschen für harte Zeiten.

Andere horten Bücher oder Platten, ich sammle Filme. Meine Sammlung umfasst mittlerweile mehr als 600 DVDs und Blu-rays. Für sie habe ich im Flur extra ein Regal gebaut: In der obersten Reihe stehen meine Kettensägen, darunter die Filmboxen. Es sind hauptsächlich Horrorfilme aus den 70er-, 80er- und 90er-Jahren. Der Flur ist meine ganz eigene Schmuddelvideothek.

„Texas Chainsaw Massacre“, „Maniac“, „Day of the Dead“ und „Braindead“. Nichteingeweihte schütteln bei diesen Namen nur den Kopf, seriöse Horrorfilmfans bekommen feuchte Augen. In den Horrorklassikern werden Zombies mit Rasenmähern zerstückelt, Serienkiller treiben in New Yorks Gassen ihr Unwesen, und Hippies hängen an Fleischerhaken.

Es ist der Reiz der Grenzüberschreitung und des Verbotenen, weshalb ich diese Filme liebe. Viele davon gibt es bei keinem Streaming-Anbieter. Entweder, weil sie lange Zeit in Deutschland verboten waren, oder weil sich niemand für sie interessiert. Deshalb steht der Horror in meinem Flur. Er bringt mir diese dreckige Videothekenatmosphäre zurück, die ich nur kurz erleben durfte.

Österreich als Horrorparadies

BRD-Horrorfans hatten in den 1980ern ein blutarmes Leben. In Deutschland verschwand damals fast jeder Horrorstreifen im Giftschrank, für Jugendschützer und Strafverfolgungsbehörden schienen sie der Leibhaftige zu sein. Auch Sittenwächter und die Öffentlich-Rechtlichen schlugen Alarm. Nur Erwachsene durften Horrorfilme kaufen und manchmal nicht einmal die. Wer etwa Tapes des Schockers „Tanz der Teufel“ bewarb oder verkaufte, konnte sogar im Knast landen. Heute ist der Film für zarte 16-Jährige freigegeben.

Zum Glück gab es die Filme im Ausland oft ungeschnitten auf Videokassetten zu kaufen. Händler hatten sich auf die bedauernswerte deutsche Kundschaft spezialisiert, sie konnten bis zu mehrere Hundert Mark pro Exemplar verdienen. Die Kassetten wurden so oft weiterkopiert, bis auf den Bildschirmen fast nichts mehr zu erkennen war. Ob nun gerade jemand zersägt oder eigentlich nur ein Baum gefällt wurde – egal!

Als Spätgeborener muss ich nicht mehr kopieren, ich habe alle Filme in bester Bildqualität auf Blu-ray. Videotheken erlebte ich leider nur kurz: Als ich 18 wurde, schlossen die meisten ihre Pforten. Aber dieser Nervenkitzel, eine besonders seltene Filmedition aufzustöbern, den spüre auch ich noch. Von meinen Freunden kann ich das nicht behaupten. Wenn sie meine Sammlung sehen, denken sie erst, es sind Bücher. Sehen sie dann die Sägen, rennen sie schreiend aus der Wohnung. So wäre es jedenfalls in jedem guten Horrorfilm – in der Realität sind meine Freunde leider viel abgeklärter.

Die Sägen sind Teil der „Legendary Bundle Deluxe“, einer Spezialedition von „Texas Chainsaw Massacre“, die vergangenes Jahr erschien. In dem Film aus dem Jahr 1974 geraten Hippies in die Fänge der berüchtigten Sawyer-Familie und werden von „Leatherface“ zersägt. Das ist ein riesiger Typ, der eine Maske aus Menschenhaut trägt. Der Streifen begründete den modernen Horrorfilm. Fans wie ich müssen diese Säge natürlich haben.

Auf der blutbespritzten knallgelben Verpackung steht, dass meine Plastiksäge nur für Freizeitzwecke konzipiert ist. Mit 75 Zentimetern ist sie genauso lang wie eine echte. Per Knopfdruck startet der ratternde Kettensägensound, ein Kippschalter aktiviert den Leerlaufsound des Motors. In meiner Freizeit kann ich jetzt Leatherface sein.

Maniac, „Day of the Dead“ und „Braindead“: Nichteingeweihte schütteln bei diesen Namen nur den Kopf

Das „Legendary Bundle Deluxe“ kostet eigentlich 150 Euro, auf E-Bay wird es für bis zu 600 Euro gehandelt. Dafür würde man eine gute echte Kettensägen bekommen. Von Regisseuren signierte Filmboxen bringen noch deutlich mehr Geld, manchmal sogar bis zu 2.000 Euro.

Neben den Sägen horte ich in meinem Regal weitere Horrorschätze. Etwa die Gummizunge mit Piercing aus dem japanischen Gangsterfilm „Ichi the Killer“. Die schneidet sich der durchgeknallte Gangster Kakihara ab, weil er gegen die Regeln der Yakuza-Mafia verstoßen hat. Die US-Fassung des Films enthält sogar einen Beutel voller Kunstblut. Selten ist auch die Neuauflage von „Tanz der Teufel“ inklusive Kotztüte. Fans zahlen dafür mindestens 200 Euro.

Anfangs war mir gar nicht bewusst, wie wertvoll solche Editionen sind, ich wollte sie einfach haben. Heute kaufe ich Sammlereditionen manchmal, wenn ich davon ausgehe, dass sie später im Preis steigen werden. Der Haken: Welche Goodies irgendwann wertvoll sind, weiß ich nicht. Es ist eine Wette auf die Zukunft, genau wie bei Aktien. Beim „Texas Chainsaw Massacre“ zockte ich und kaufte gleich drei Exemplare der Edition. Eine fürs Regal, zwei für E-Bay.

Rückkehr in die Achtziger

Viele dieser Schätze gibt es nicht nur bei Onlinehändlern, sondern auch auf Filmbörsen. Das sind Marktplätze, die sich auf Filme spezialisiert haben. Eine bekannte Filmbörse findet seit fast 30 Jahren in Berlin-Tegel statt. Wer dort 5 Euro Eintritt zahlt, beamt sich in die 1980er Jahre zurück. In einer riesigen Tanzhalle schlurfen mittelalte Männer mit schwarzen Rucksäcken umher, auf der Suche nach neuem altem Stoff. Da gibt es Horrorfilme, so weit die Säge reicht.

Zum Beispiel die heiß begehrte Holzbox mit allen Teilen des Klassikers „Freitag der 13.“ (2.000 Euro). Ja sogar den Horrorfilm „Tanz der Teufel 2“ in Necronomicon-Optik (157 Euro). Im Film ist das ein uraltes Buch, das die Toten zum Leben erweckt. Es gibt offenbar viele Bekloppte wie mich, die für solche Raritäten enorme Summen hinblättern.

Neulich wollte ich in den Urlaub fahren und brauchte dafür dringend Geld. Ich dachte darüber nach, zwei Exemplare meiner Kettensägen zu verkaufen. Doch dann konnte ich mich nicht von ihnen trennen. Stattdessen habe ich mir auf einer Plattform eine extrem seltene Eishockeymaske gekauft, die der Killer Jason in „Freitag der 13.“ trägt. Mit 266 Euro war sie ein echtes Schnäppchen. Sie sieht sehr gut aus neben den Sägen. Der Urlaub muss jetzt erst mal warten.