Sachsen: Dubiose Gedenkstätte in Borna bleibt

Holocaust? Kriegsverbrechen? Eine Ausstellung in Borna erinnert ausschließlich an deutsche Kriegsopfer. Jetzt soll eine permanente Gedenkstätte entstehen - gegen den Widerstand von Bürgern und Politik.

Borna taz Eine einseitig den deutschen Opfern des Zweiten Weltkrieges gewidmete zentrale Gedenkstätte in der sächsischen Kreisstadt Borna wird nicht mehr zu verhindern sein. Das dafür vorgesehene Gelände bleibt fest in der Hand eines nationalkonservativen Vereins "Gedächtnisstätte", der seit 15 Jahren eine solche Gedenkstätte anstrebt.

Damit sind die Bemühungen der Landrätin Petra Köpping (SPD) und der früheren Eigentümerin, der Lausitzer- und Mitteldeutschen Bergbau-Verwaltungsgesellschaft LMBV, vorerst gescheitert, das Areal zurückzubekommen. LMBV-Sprecher Uwe Steinhuber sagte auf taz-Nachfrage, eine Rückübertragung werde "aus juristischen Gründen immer unwahrscheinlicher". Der Verein richtet sich nach Auskunft seines wissenschaftlichen Leiters vor Ort, Peter Hild, dauerhaft ein.

Von einem gemeinsamen Vorhaben mit dem Bund der Vertriebenen hatte der Verein wieder Abstand genommen. Grund war nach Angaben des Vereins, dass das geplante "Zentrum gegen Vertreibung" nicht ausschließlich der deutschen Opfer gedenken will. Nach langer erfolgloser Grundstückssuche gelang es dem Verein 2005, in Borna unweit von Leipzig das prächtige ehemalige Verwaltungsgebäude der LMBV mit Parkgelände zu erwerben. Gezahlt wurde nur ein Spottpreis von 99.000 Euro, weil sich die LMBV mangels Kaufinteressenten zu einer Auktion genötigt sah. Als Käufer trat der inzwischen verstorbene Architekt Ludwig Limmer aus dem rheinländischen Meerbusch auf.

Die Drahtzieher dieses Kaufs und ihre tatsächlichen Absichten waren zunächst weder der LMBV noch der Stadt Borna klar. Erst Recherchen des Büros der PDS-Landtagsabgeordneten Kerstin Köditz legten Verbindungen des Vereins "Gedächtnisstätte" zu rechtsextremen Kreisen und Holocaust-Leugnern offen. So wurde die langjährige Vereinsvorsitzende Ursula Haverbeck-Wetzel 2004 wegen Volksverhetzung verurteilt. Persönliche Kontakte gibt es zum Nazi-nostalgisch orientierten "Collegium Humanum" in Vlotho, das der von Haverbeck inzwischen verstorbene Mann 1963 gegründet hatte. Kontakte pflegte der Verein etwa mit Anwalt Horst Mahler, Mitbegründer des "Vereins zur Rehabilitierung der wegen Bestreitens des Holocausts Verfolgten", mit Luftwaffenjagdflieger Hajo Herrmann oder dem Bauunternehmer Günther Kissel aus Solingen, der gegen die "Auschwitzlüge" polemisiert.

Nach Bekanntwerden dieser Verbindungen distanzierten sich Politiker von dem Projekt. Im Dezember 2005 demonstrierten Bornaer Bürger gegen das Vorhaben. Nach scheinbarer Ruhe polarisiert seit März dieses Jahres erneut eine Ausstellung, die im Zuge des Ausbaus zur Gedächtnisstätte in einigen der 200 Räume eröffnet wurde. In improvisiert wirkender Weise erinnern vor allem Texttafeln mit Handzeichnungen an den Bombenkrieg, an Gefangenenlager, an das Elend der Flüchtlinge oder den Untergang von Flüchtlingsschiffen. Ergänzt werden sie durch sporadisch eingestreute Zeitzeugen und Amateurkunstwerke. "Jeder Betrachter kann selbst entscheiden, ob er das als Anklage wertet oder nicht", sagt Peter Hild. Er ist ehemaliger Mitarbeiter des nach einer als antisemitisch kritisierten Rede aus der CDU ausgeschlossenen ehemaligen Bundestagsabgeordneten Martin Hohmann. Im Freigelände ist ein Rondell mit zwölf Gedenksteinen den ehemaligen deutschen "Gauen" im Osten gewidmet. Es gehe nur um die zivilen deutschen Opfer und nicht um Politik und Geschichtsinterpretation, antwortet Hild auf die Frage, warum jeder Kontext, jeder Verweis auf die Naziverbrechen und insbesondere den Holocaust fehle.

Die Wirkung von Ausstellung und Gedenkareal bleibt allerdings vorerst begrenzt. Die Stadt Borna hat die Auflage gemacht, dass das Haus keine öffentliche Gedenkstätte sein darf. Das Sächsische Oberverwaltungsgericht hat außerdem den Baustopp für ein zwölf Meter hohes Metallkreuz bestätigt.

Nach den Protesten bemüht sich der Verein außerdem um ein angepassteres Image. Ursula Haverbeck-Wetzel sei "als Vorsitzende nicht mehr geeignet", sagt Hild. Nach einem kritischen Ausstellungsbesuch des CDU-Kreisvorsitzenden und eines Pfarrers wurde ein Gedicht aus der Ausstellung entfernt. Eine Handvoll ehemals arbeitsloser Jugendlicher in schwarzen Shirts mit der Aufschrift "Wachgruppe Gedächtnisstätte" soll das Gelände schützen. Gegen die Hakenkreuzschmierereien in ganz Borna gibt es einen solchen besonderen Schutz nicht.

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