piwik no script img

■ S-Bahn-ÜberfälleTäter & Trittbrettfahrer

Ein Alptraum wird wahr: Fast täglich erfahren wir von neuen Überfällen in den öffentlichen Verkehrsmitteln und andernorts. Am vergangenen Freitag drohten offenbar Rechtsradikale einem Polen an, ihn aus der S-Bahn zu werfen. Sonntag nacht wurde ein Angolaner vermutlich von Skinheads verfolgt und bei der Flucht von einem Lastwagen angefahren. Am Montag abend stach ein Betrunkener in der S-Bahn einen Peruaner nieder. Montag nacht überfielen drei Jugendliche einen Vietnamesen in der Straßenbahn und verletzten ihn schwer. Am Dienstag schlugen Jugendliche einen Jugoslawen mit Eisenstangen zusammen. Den Opfern kann es fast egal sein, ob die Täter über ein rechtsradikales Weltbild verfügen oder „nur“ ihre Gewaltphantasien ausleben. Menschen aus der Bahn zu werfen, scheint die neueste unter den menschenverachtenden Moden dieser jungen Männer zu sein, die sich offenbar nur dann lebendig fühlen, wenn sie andere halbtot vor Angst vor sich sehen. Im Medienzeitalter muß nur einer damit anfangen, Nachahmer finden sich gewiß. Und dann gibt es noch andere Trittbrettfahrer: Menschen, die einen Skinüberfall vortäuschen. Bei dem Schwarzfahrer, der vorgab, von Skinheads ausgeraubt worden zu sein, war das Motiv noch durchsichtig. Bei der jungen Potsdamerin, die sich als Retterin bei einem Naziüberfall ausgab, liegt der Fall diffiziler. Als nicht Krankenversicherte hoffte sie auf kostenlose Pflege. Aber sie hätte auch eine andere, nicht von Rechten bevölkerte Geschichte erzählen können. Nur hätte die weniger heldenhaft geklungen. Und als Opfer steht man auf der moralisch richtigen Seite. Auf öffentliche Aufmerksamkeit hatten auch die Rollstuhlfahrerin und das junge Mädchen gehofft, die sich ein Hakenkreuz in die Haut schnitten. Diese von psychischen Problemen traktierten Menschen verdienen Mitleid. Aber ihre Märchen sind brandgefährlich: Einerseits machen sie kostenlose Reklame für die Skins, andererseits sind sie Wasser auf den Mühlen der Verharmloser. Ute Scheub

50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen