: Ruchlose Taten
Am 30.11.89 wurde der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank, Alfred Herrhausen, durch ein Bombenattentat getötet. Bundespräsident Richard von Weizsäcker spricht von einem „ruchlosen Anschlag“, und wir teilen seine Empörung über diesen Mord.
Auch ausländische Flüchtlinge waren in der jüngeren Vergangenheit immer wieder Opfer von Attentaten, so beispielsweise im gerade zu Ende gegangenen Jahr in Fürstenfeldbruck, Bamberg, Lebach, München. Es war stets nur Zufall, daß die Betroffenen mit Verletzungen, Rauchvergiftungen und ähnlichem davonkamen. Auch diese Attentate empören und bestürzen uns; wir finden aber wenige, die diese Empörung teilen. PoltikerInnen, die nach dem Attentat auf Alfred Herrhausen wortreich ihren Abscheu gegenüber der Gewalt zum Ausdruck brachten, finden solche Worte nur selten nach Anschlägen gegen ausländische Flüchtlinge.
„Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren“ und „jeder Mensch hat das Recht auf Leben, Freiheit und die Sicherheit der Person“. Dies ist der völkerverbindende Inhalt der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Diesem Grundsatz fühlen wir uns als Dritte Welt Haus verpflichtet und wir sind bestürzt über eine scheinheilige Menschlichkeit, die nur wenigen zuteil wird und viele ausschließt.
Die öffentliche Empörung über das Attentat auf Alfred Herrhausen gilt allerdings nicht nur der Tatsache, daß hier ein Mensch ermordet worden ist. Sie gilt vielmehr der Tatsache, daß Alfred Herrhausen ein „herausragender Repräsentant unserer politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Ordnung“ war, wie es in den Medien hieß. Und eine Bombe gegen Repräsentanten dieser Ordnung, so wird im gleichen Atemzug behauptet, sei eine „Bombe gegen uns alle“. Genau an diesem Punkt aber wird begonnen, mit der Empörung über den Mord Politik zu machen. Da wird der Boden vorbereitet, um nicht nur die Attentäter zu verfolgen, sondern um jegliche Kritik an dieser Ordnung zu unterdrücken und als Angriff gegen das „Gemeinwohl“ zu denunzieren.
Alfred Herrhausen war Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank, die als zehntgrößte Bank der Welt und mit mehr als 140 Aufsichtsrats- und Verwaltungsratsmandaten in bundesdeutschen Großunternehmen ein gewaltiges Machtzentrum in der Finanz- und Wirtschaftspolitik bildet. Die Deutsche Bank hat durch ihre Kredite an Länder der Dritten Welt über Jahre profitiert und zur Verschuldungskrise beigetragen, unter deren Folgen Millionen Menschen in der Dritten Welt leiden. Die Deutsche Bank unterstützt seit langem das rassistische Apartheid-Regime in Südafrika durch Kredite und trägt durch großzügige Umschuldungsbedingungen zum Überleben des Apartheidsystems, dieses „Verbrechens gegen die Menschlichkeit“ (UNO) bei.
So sehr wir den politischen Mord ablehnen und verurteilen, so wenig werden wir von unserer Kritik an einer wirtschaftlichen und politischen Ordnung ablassen, die die Menschenrechte verletzt und mißachtet. Und so wenig werden wir uns davon abbringen lassen, darauf hinzuweisen, daß jeder Anschlag eine „ruchlose Tat“ ist, ob sie nun führende Repräsentanten oder Flüchtlinge oder andere Menschen trifft.
Dritte Welt Haus, Bielefeld
50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen